Leitbild und Geschichte

Ausstellungsansicht "So wie wir sind" mit Arbeiten von Wolfe von Lenkiewicz, Rahel Bruns und Tim Reinecke (v.l.nr.), Foto: Ana Rodriguez Heinlein

Die Weserburg Museum für moderne Kunst ist Bremens Haus für internationale Kunst der Gegenwart. Wechselnde Einzel- und thematische Gruppenausstellungen, eine langfristig angelegte Sammlungspräsentation sowie variantenreiche Begleitangebote ermöglichen lebendige Auseinandersetzungen mit dem Kunstschaffen von den 1960er Jahren bis heute. Mit dem Zentrum für Künstlerpublikationen verfügt die Weserburg darüber hinaus über einen in Europa einzigartigen Bestand von publizierten, vervielfältigten und veröffentlichten Kunstwerken aus aller Welt – von der Briefmarke über Künstlerbücher, Mail Art, Filme und Schallplatten bis hin zu Multimedia-Editionen.

Die Weserburg ist ein lebendiger Ort für zeitgenössische Kunst. Wir verstehen uns als Haus mit Haltung, in dem ästhetische Erfahrung und kritische Reflexion gleichermaßen möglich sind. Besucher*innen können hier Kunst nicht nur betrachten, sondern neue Perspektiven entwickeln, gesellschaftliche Kontexte reflektieren und sich aktivieren.

Werte

Die Weserburg sieht sich als demokratiestärkenden Ort für Dialog und kritische Auseinandersetzung. Sie orientiert ihr Handeln an Offenheit, Perspektivenvielfalt, Gemeinschaft und Nachhaltigkeit. Wir legen Wert auf einen respektvollen Umgang sowie eine transparente Kommunikation. Wir respektieren die Meinungen anderer, bieten jedoch keinen Raum für antidemokratische und menschenfeindliche Positionen. Die Nachhaltigkeit unseres Handelns ist uns wichtig, indem wir verantwortungsvoll und in vielfältigen Bereichen Ressourcen schonen, Kunst zugänglich machen und für die Zukunft bewahren. All diese Werte bilden die Grundlage unseres Tuns.

Schwerpunkte

Als Europas erstes Sammler*innenmuseum ist die Arbeit der Weserburg in besonderer Weise durch die Kooperation mit Privat- und Unternehmenssammlungen bestimmt. Hier wie auch im Umgang mit den eigenen Beständen präsentieren wir inklusiv und perspektivisch vielfältig. Wir reflektieren eurozentristische Blickwinkel und setzen bewusst Schwerpunkte, die bisher unterrepräsentiert sind oder für eine veränderte Sichtweise stehen. Unsere Bestände und die Entwicklungsgeschichte des Hauses bewahren wir verantwortungsvoll. Dabei denken wir technische, soziale und ökologische Aspekte zusammen, sichern Kunstwerke, Archive und digitale Daten.

Unsere Ausstellungen verstehen wir als Räume, in denen unterschiedliche Blickweisen auf Gegenwart und Welt sichtbar werden. Wir möchten Deutungshoheiten in Frage stellen und überraschende Zugänge ermöglichen. Wir wollen Kunst nicht nur präsentieren, sondern im Austausch mit verschiedenen Perspektiven erfahrbar machen. Dafür verfolgen wir unsere Haltung auch über die Ausstellungen hinaus: Unsere Vermittlungsarbeit verstehen wir als sozialen Raum für Begegnung, Austausch und Diskurs über gesellschaftliche Zukunftsfragen.

Wir richten unsere Arbeit an einem macht- und diskriminierungskritischen Anspruch aus, der Zugänge eröffnet, unterschiedliche Perspektiven und bislang wenig sichtbare Geschichten erfahrbar macht. Vermittlung begreifen wir als partizipativen Prozess, der Zuhören, Mitgestaltung und Reflexion ermöglicht. Gemeinsam mit Menschen, Communities und Partner*innen aus der Stadtgesellschaft gestalten wir ein offenes, inklusives und gesellschaftlich relevantes Museum.

Insbesondere in der Abteilung Zentrum für Künstlerpublikationen ist Forschung eine zentrale Grundlage unserer Arbeit. Unsere Sammlungen und Archive werden so erschlossen, Wissen bewahrt und neue Zusammenhänge hergestellt. Die Ergebnisse unserer Forschung teilen wir transparent in Publikationen, digitalen Formaten und Bildungsangeboten.

Arbeitskultur

Wir arbeiten als Team auf gemeinsame Ziele hin. Dafür bringt jede Person eigene Erfahrungen, Perspektiven und Expertisen ein. Gemeinsam entwickeln wir ein Verständnis für Werte, Umgangsformen, Arbeitsweisen und füllen sie mit Leben. In herausfordernden Situationen unterstützen wir uns und lösen Konflikte offen und konstruktiv. Wir leben eine Kultur der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Vertrauens.

Geschichte des Museums

Nicolás Uriburu, Green Bremen, 2011, Performance zum Jubiläum "20 Jahre Weserburg" im Rahmen der Ausstellung Farbe im Fluss

Am 14. November 1988 wurde durch Beschluss der Bürgerschaft der Freien Hansestadt Bremen-Stadtgemeinde die Stiftung „Neues Museum Weserburg Bremen“ gegründet. Die Gründungsmitglieder waren die Stadt Bremen, der Kunstverein in Bremen sowie die Sammler Hans Grothe, Anna und Gerhard Lenz, Reinhard Konisch und Hartmut Ackermeier. Der Umbau des Gebäudekomplexes erfolgte nach Plänen des Bremer Architekten Wolfram Dahms.

Thomas Deecke (1991 bis 2005)

Am 6. September 1991 wurde schließlich das Neue Museum Weserburg Bremen in den alten Speicherhäusern unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Deecke eröffnet. Das Museum war in Europa ein absolutes Novum. Erstmals wurde das Konzept eines Sammlermuseums umgesetzt, in dem die Dauerausstellung ausschließlich mit Exponaten privater Leihgeber*innen bestückt wurde. Durch das Engagement von Thomas Deecke ist es gelungen, mehrere herausragende Sammlungen aus dem In- und Ausland langfristig an das Haus zu binden.

Auf 5.000 m² Ausstellungsfläche wurden seitdem in zahlreichen Ausstellungen und Sammlungspräsentationen Werke der Gegenwartskunst gezeigt. In kurzer Zeit konnte sich das Haus national und international ein besonderes Ansehen erarbeiten. Erinnert sei an erfolgreiche Ausstellungen wie Die Kunst und das schöne Ding (1995), Picasso, Guston, Miró, de Kooning (1997) oder auch Fondation Maeght‘. Südliche Kunst unter nordischen Himmel (2003). Viele Ausstellungen, die von den Kurator*innen der Weserburg entwickelt wurden, sind zudem von bekannten Museen übernommen worden. Die Ausstellung Minimal Maximal (1999) tourte beispielsweise über Spanien bis hin nach Japan (2001) und Korea (2002).

Carsten Ahrens (2005 bis 2013)

Am 1. November 2005 übernahm Carsten Ahrens das Museum. Auf seine Initiative wurde am 1. Januar 2007 das Haus in Weserburg Museum für moderne Kunst umbenannt. Mit Einzelausstellungen zu Jörg Immendorff (2007) und Helmut Newton (2008) konnte er Publikumserfolge verbuchen sowie die Weserburg mit Präsentationen zum Schaffen von Stankowski (2007) oder der Themenausstellung Freibeuter der Utopie (2011) einem größeren Publikum öffnen. Unter seiner Leitung begann auch die Kooperation mit dem kek Kindermuseum, das mit seinen thematisch wechselnden Mitmachausstellungen junge Menschen ins Haus brachte. Carsten Ahrens hat darüber hinaus die Ausstellung der Meisterschüler*innen der Hochschule für Künste Bremen an die Weserburg geholt, eine Reihe, die zusammen mit dem Karin Hollweg Preis einen wichtigen Beitrag zur Künstler*innenförderung bildet und bis heute regelmäßig in der Weserburg präsentiert wird.

Unter die Direktion von Carsten Ahrens fiel auch die wohl schwierigste Phase in der Geschichte des Museums. Zur langfristigen finanziellen Absicherung hatte sich die Stiftung Neues Museum Weserburg entschieden, Werke der eigenen Sammlung zu veräußern und damit einen „Zukunftsfonds“ einzurichten. Im November 2010 wurde Gerhard Richters Gemälde Matrosen (1966) und 2011 das Gemälde Luciano I  (1976) von Franz Gertsch versteigert. Ein Konvolut von 51 Kunstwerken ging durch privates Engagement von der Weserburg in den Bestand der Kunsthalle Bremen über. Zudem eröffnete Carsten Ahrens eine Debatte über einen veränderten Standort des Museums, die lange Jahre anhielt. Im Juni 2013 verließ er die Weserburg.

Peter Friese (2013 bis 2018)

Kommissarischer Nachfolger von Carsten Ahrens wurde der langjährige Weserburg-Kurator Peter Friese, der sich auf die in der Stiftungssatzung benannten Verpflichtungen des Hauses konzentrierte, Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts aus Privatbesitz auszustellen. Peter Friese wurde schließlich am 11. Juni 2015 zum Direktor ernannt und setzte den 2013 eingeschlagenen Kurs konsequent fort: Große Sonderausstellungen zu zeitrelevanten Themen, welche sich vor allem aus den Sammlungen generieren und sich an ein breites Publikum richten, wie zum Beispiel Kaboom. Comic in der Kunst (2013) und Land in Sicht. 400 Jahre Landschaftsbilder (2015) oder Cindy Sherman (2018). Mit Junge Sammlungen (2014 – 2018) wurde zudem eine Ausstellungsreihe etabliert, die junge, bislang noch nicht in dieser Form an die Öffentlichkeit getretenen Privatsammlungen vorstellte. Neue Sammlungen kamen dadurch hinzu, die seitdem eng mit der Weserburg kooperieren, darunter die Sammlung Dominic und Cordula Sohst-Brennenstuhl (Hamburg), die Sammlung von Kelterborn (Frankfurt), die Sammlung  Ivo Wessel (Berlin), die Sammlung Christian Kaspar Schwarm (Berlin) und die Sammlung Florian Peters-Messer (Rheinland).

Peter Frieses Engagement ist es zu verdanken, dass die Kunstmäzene Karin und Uwe Hollweg der Weserburg einen besonderen Höhepunkt im Jahr 2018 beschert haben. Gemeinsam haben sie nichts Geringeres erreicht, als eine der bedeutsamsten Sammlungen mit Werken des Fluxus und des Nouveau Réalisme, die Sammlung Karl Gerstner, für die Weserburg und für Bremen zu sichern. Und nicht nur das: Auch den Ankauf der Sound Collection Guy Schraenen, eine der wichtigsten Klangkunstsammlungen weltweit, hat das Ehepaar Hollweg gemeinsam mit der Kulturstiftung der Länder ermöglicht. Ende September 2018 wurde Peter Friese in den Ruhestand verabschiedet.

Janneke de Vries (seit 2018)

Seit dem 1. Oktober 2018 ist Janneke de Vries neue Direktorin der Weserburg. Mit ihr vollzog sich ein konzeptueller Wandel in der Struktur des Sammlermuseums. Dafür etablierte sie das Ausstellungsformat So wie wir sind, das Werke aus unterschiedlichem Besitz und verschiedenen Zeiten zu inhaltlichen Themenräumen kombiniert und regelmäßig wechselt. Es wurde also eine Fokusverschiebung von einzelnen Sammlungen zu den Inhalten der Werke vollzogen und eine Geschichte der Kunst seit 1960 etabliert, die den traditionellen Kanon aufbricht, Leerstellen füllt und Schwerpunkte neu setzt – z.B. durch eine angestrebte Geschlechterparität, dem Verlassen des eurozentristischen Blicks, überraschende Verbindungslinien und Themen unserer Zeit. Die Anzahl der unterstützenden Sammlungen hat sich seither verdoppelt und wächst weiter beständig an. In den begleitenden Sonderausstellungen richtet die Weserburg den Blick seit 2019 insbesondere auf weibliche Positionen und gesellschaftskritische Themen. Auch die Präsenz des Zentrums für Künstlerpublikationen wurde mit Janneke de Vries durch feste Ausstellungsräume und eine vergrößerte -fläche deutlich gestärkt.

Geschichte des Gebäudes

Historische Aufnahme um 1930
Die Weserburg im Jahr 2025

Die alten Speicherhäuser der Weserburg können auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Bevor die Kunst in das Gebäude einzog, waren hier eine Tabakfabrik und später die Kaffeerösterei Schilling ansässig. 1893 erwarb zunächst die Zigarrenfabrik Ad. Hagens Co. die von der Firma C. Poppe auf dem Teerhof fertig gestellten Packhäuser Nr. 20 a bis d und errichtete 1897 die so genannte Hagensburg. Der Bau wurde unter der Leitung des Architekten Johann Rippe umgesetzt und bildete den spektakulären Abschluss der Teerhofbebauung vor dem Zweiten Weltkrieg. Insbesondere die beiden neogotischen Tortürme sorgten für eine Auflockerung in der natürlichen Eintönigkeit der Packhauszeilen und stellten einen Blickfang besonders von der Kaiserbrücke aus dar (heute umbenannt in Bürgermeister-Smidt-Brücke).

1923 kaufte die Kaffeerösterei Gebrüder Schilling den Gebäudekomplex und betrieb dort fortan Import, Rösterei und Versand von Kaffee. Mit dem Beginn der Kaffeerösterei änderte sich der Name Hagensburg in Weserburg. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude auf dem Teerhof schwer beschädigt. 1944 lagen sie nach dem 159. Bombardement größten Teils in Ruinen – die Weserburg war fast gänzlich zerstört. Bereits 1949 konnte sie wieder aufgebaut werden und auch die Rösterei Schilling nahm den Betrieb erneut auf. 1973 musste das Traditionsunternehmen nach insgesamt 50 Jahren den Kaffeebetrieb schließen und verkaufte die Weserburg an die Stadtgemeinde Bremen.

In den folgenden Jahren eroberte die kulturelle Szene das Gebäude. Künstler*innen richteten sich Ateliers ein, das Moks-Theater und die Städtische Galerie fanden hier neue Freiräume. Insgesamt beherbergte das Gebäude über 20 kulturelle und soziale Einrichtungen. Auch die 1980 gegründete GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst fand ihr Domizil in der ehemaligen Kaffeerösterei. Während einer ihrer Ausstellungen, der Präsentation von Werken Edward Kienholz‘ aus der Sammlung Onnasch, wurde die Idee geboren, ein Sammlermuseum für Bremen zu gründen. Bis zur Umsetzung sollte es allerdings noch mehrere Jahre dauern.