André Thomkins

überall, aber schwebend

04.05.2019 - 11.08.2019
André Thomkins, Ohne Titel, 1980
André Thomkins, Rue La Valeur, 1971, Sammlung Karl Gerstner, Leihgabe aus Privatbesitz
André Thomkins, Schneider, 1978, Sammlung Karl Gerstner, Leihgabe aus Privatbesitz

Die Weserburg Museum für moderne Kunst zeigt mit überall, aber schwebend eine monografische Ausstellung des Schweizer Ausnahmekünstlers André Thomkins (geboren 1930 in Luzern, gestorben 1985 in Berlin).

André Thomkins zählt zu den interessantesten und vielfältigsten künstlerischen Positionen der Nachkriegszeit. Außerhalb seines Schweizer Heimatlandes stehen seine poetischen, experimentierfreudigen und humorvollen Setzungen jedoch bisweilen unberechtigt im Schatten seiner Künstlerfreunde Daniel Spoerri, Robert Filliou oder Dieter Roth. In einer jüngeren Künstler*innengeneration wird der zweimalige Documenta-Teilnehmer dagegen als Impulsgeber international hoch geschätzt. Dies sind gute Gründe, sein Schaffen erneut in den Blick zu nehmen.

Singulär und vielseitig verweigert sich das Werk von André Thomkins einfachen kunstgeschichtlichen Einordnungen. Schon früh inspirieren ihn die künstlerischen Strategien des Dadaismus und Surrealismus, von Marcel Duchamp, Max Ernst und Paul Klee oder die Kleksographien von Justinus Kerner aus dem frühen 19. Jahrhundert und befördern sein mit zeitgenössischen Tendenzen korrespondierendes Interesse an experimentellen künstlerischen Praktiken. Der Bild-, Objekt- und Wortkünstler Thomkins war freundschaftlich eng verbunden mit den Nouveaux Réalistes sowie den Künstler*innen der Fluxus-Bewegung und der Konkreten Poesie, ohne dass sich sein Schaffen einer dieser Richtungen fest zurechnen ließe.

Bekannt ist er heute vor allem als herausragender Zeichner und Aquarellist. Feder- und Bleistiftzeichnungen, Aquarelle und Ölbilder ebenso wie Arbeiten, die sich am Übergang zu Architektur oder Plastik bewegen, seine Schöpfungen der Lackskins, Rollagen, Rapportmuster, Permanentszenen, seine Paraphrasen nach künstlerischen Vorbildern, seine Stadt- und Traumszenen, Turmlandschaften, Labyrinthe, Selbstportraits oder die immer wiederkehrende, seltsam schwerelose Schwebsel-Figur (Thomkins‘ Alter Ego) legen dafür ein eindrückliches Zeugnis ab.

Doch war Thomkins nicht nur Bild-, sondern Bild- UND Wortkünstler in einem. Dementsprechend ist sein erfindungsreicher Umgang mit Sprache in Buchstabe, Wort und Sentenz mindestens gleichwertig zu seinen Bildfindungen einzuordnen. Er äußert sich in zahlreichen Palindromen und Anagrammen, in Wortspielen und Wortmaschinen. Den Palindromen entsprechen auf der Ebene des Bildes u.a. die Scharniere – Spiegelungen feiner Zeichnungen nach dem Rorschach-Prinzip. Beziehungsreiche Titel sind dabei nicht nur Teil von Thomkins’ wortkünstlerischen Produktionen, sondern formulieren oft eine Welt für sich und erweitern erheiternd, fein- und tiefsinnig die Lesart seiner Arbeiten.

Das Werk von André Thomkins ist darüber hinaus geprägt von der Liebe zu alltäglichen Materialien wie Gummi, Illustriertenfotos, Erde, buntem Papier, Fundstücken oder Lebensmitteln. Diese Liebe zeigt sich in besonderem Maße in seinen Objekten und Collagen. Aus den verschiedensten Materialien schuf er Werke von gedanklicher Tiefe und spielerisch-assoziativer Qualität, die ihrer Zeit oft weit voraus waren.

Werkskollaborationen mit Künstlerfreunden gehören außerdem ebenso zu Thomkins’ Experimentierfeld (etwa mit Dieter Roth, George Brecht, Daniel Spoerri oder Robert Filliou) wie die Umsetzung von Bühnenbildern, Kunst am Bau-Projekten oder Tonaufnahmen.

Inhaltlich und formal sind Thomkins’ Arbeiten in keine chronologisch lineare Abfolge zu bringen. Vielmehr besteht sein Schaffen aus einem flirrenden Kombinationsspiel, das von Anfang der 1950er Jahre bis in die erste Hälfte der 1980er Jahre hinein beständig variiert, beendet, wieder aufnimmt, ergänzt, neu ansetzt, sich gegenseitig bedingt und weiterführt – ein steter Fluss und eine permanente Verknüpfung von Themen und Techniken. Voller Energie, Intelligenz, spielerischer Leichtigkeit und Humor streben seine Arbeiten danach, das vorübergehend im Werk Fixierte wieder zu öffnen und Hierarchien zu vermeiden. Thomkins’ künstlerischer Ansatz ist quer durch alle Zeiten und Medien von dem Versuch geprägt, einer Erstarrung durch eindeutige Festlegung zu entgehen.

Die Weserburg Museum für moderne Kunst verfügt mit der Sammlung Karl Gerstner über ein außergewöhnliches Konvolut von Arbeiten des Künstlers. Dieses wird anlässlich der Ausstellung ergänzt von Leihgaben aus Privatsammlungen aus Bremen, Berlin, Köln und Budapest sowie aus dem Nachlass des Künstlers. Zusammen ergibt sich ein so umfänglicher wie faszinierender Einblick in alle Schaffensperioden von André Thomkins.

1969 von Serge Stauffer nach seinem Lieblingsort und -zustand gefragt, antwortete Thomkins: „überall, aber schwebend.“ überall, aber schwebend in der Weserburg Museum für moderne Kunst wird kuratiert von Janneke de Vries.

Eröffnung

Freitag, 3. Mai 2019, um 19 Uhr

  • Begrüßung: Carmen Emigholz, Staatsrätin für Kultur
  • Einführung: Janneke de Vries, Direktorin

Ausstellung auf Etage 3

Mit freundlicher Unterstützung

Begleitprogramm

Mittwoch, 15. Mai 2019, 19 Uhr, 3,- Euro zzgl. Museumseintritt
Direktorinnenführung mit Janneke de Vries

Sonntag, 2. Juni 2019, 11 bis 18 Uhr,
Familientag
André Thomkins meets Nail-Art
Um 14, 15 und 16 Uhr Familienkurzführungen mit Mara Ryser. Im Anschluss gemeinsame Mitmachaktion.

Mittwoch, 12. Juni 2019, 19 Uhr, Eintritt 5,- Euro
KARL GERSTNER. STRENG KLARER
System und Programm als Entwurfsprinzip
Vortrag von Jonas Deuter über den Schweizer Grafiker, Künstler, Thomkins-Freund und Sammler

Mittwoch, 19. Juni 2019, 19 Uhr, Eintritt 5,- Euro
Von Justinus Kerner zu André Thomkins. Experimenteller Gebrauch von Farbe im 19. und 20. Jahrhundert
Vortrag von Detlef Stein, Kunsthistoriker