NEUSPRÉCH

Eine Ausstellung im Zentrum für Künstlerpublikationen

03.07.2020 - 13.12.2020
Oliver Ross/Simon Starke: NEUSPRÉCH Postcoronal
Oliver Ross/Simon Starke: NEUSPRÉCH-Plakatmotiv, 2020

„NEUSPRÉCH ist Sprache, die von Kunst befallen, infiziert ist. Sprechen mit Kunst – als Kunst.“, so Oliver Ross und Simon Starke, die Kuratoren der Ausstellung.
NEUSPRÉCH greift einen zentralen Begriff aus George Orwells Roman 1984 neu akzentuiert und mit Blick auf das Widerständige im Kontext bildender Kunst auf. Das Projekt umfasst zwölf künstlerische Positionen, ergänzt und im Dialog mit einer Auswahl von Arbeiten aus den Sammlungen des Zentrums für Künstlerpublikationen. Die Künstler*innen positionieren sich gegen Sprachverkümmerungen eines technologischen Vereinheitlichungszwangs, gegen Marketingsprech, Pegidasprech, Kunstbetriebssprech, Anti-Terrorsprech, Politsprech, gegen die ganze Bandbreite des Wir/Die-Sprech.

Künstler*innen der Ausstellung:

Armin Chodzinski (mit einem Vortragsraum und neuen Lehrfilmen)
Hans-Christian Dany (mit einer Vortrags-Einlassung zu NEUSPRÉCH)
reproducts (mit filmisch-hypnotisch-poetischen Farbtherapien)
Gunter Reski (mit einem halb geschriebenen, halb gemalten Wand-Journal)
Oliver Ross (mit einem Kunst-Beichtstuhl)
Ingrid Scherr und Peter Lynen (mit einer gemeinsamen Raum-Installation)
Aleen Solari (mit einer schlecht beleuchteten Wand-Boden-Situation)
Simon Starke (mit einer illustrationsbestückten Lehrtafelabfolge)
Andrea Tippel (mit ihrer tapezierten Andrealismus-Bibliothek)
Jan Voss (mit einer ortsbezogenen Ein- und Auslassung)
Annette Wehrmann (mit einem bisher unveröffentlichten Zeichnungskonvolut)

NEUSPRÉCH wird kuratiert von den Künstlern Oliver Ross und Simon Starke, in Kooperation mit Bettina Brach vom Zentrum für Künstlerpublikationen.

Sammlungen und Leihgeber
Nachlass Andrea Tippel/Galerie Melike Bilir
Nachlass Annette Wehrmann/Ort des Gegen e.V.
Die Künstler*innen

Zentrum für Künstlerpublikationen: Archive for Small Press & Communication / Archiv publizierter Kunst / Sammlung Paul Heimbach und Peter Foedisch /Sammlung Die Bücher der Künstler, Institut für Auslandsbeziehungen

Förderer: Poolhaus-Blankenese Stiftung

Im Wochenrhythmus seit 2. Mai mehr Informationen:

Die beteiligten Künstler*innen werden einzeln vorgestellt, Zusammenhänge mit dem Zentrum für Künstlerpublikationen näher beleuchtet, der Themenkosmos angerissen.

(1) Andrea Tippel

Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH: Andrea Tippel: Philoars-Library, 2008/2009 © Nachlass Andrea Tippel/Galerie Melike Bilir. Foto: Bettina Brach
Andrea Tippel: Philoars Library (Detail), 108 Farbkopien von Zeichnungen DIN A3, 2008/09 © Nachlass Andrea Tippel/Galerie Melike Bilir
Andrea Tippel: Eisbär, 1972 © Nachlass Andrea Tippel/Galerie Melike Bilir

„Andrea Tippel verschränkt Zeichnung und Wortwitz, verheddert Notizen mit Gekritzel, unterläuft die lächerlichen Begrenzungen von Signifikat und Signifikant in verwirrenden Kombinatoriken eines zeichnenden Schreibens. Ihre Text-Bild-Amalgame liefern einen ganzen Kosmos an verrutschten Bedeutungen und enden daher nicht zufällig in einer Bibliothek – Philoars Library genannt –, in der die Gesamtweltliteratur sozusagen auf-geTippelt wird. Der Zeichenstift, farbig oder Blei, ist ihr Instrument, um in der Lücke zwischen Wort und Vorstellung, Bild und Bedeutung herumzustochern, um einem anderen Sinn auf die Spur zu kommen als dem, den die Logiker abfällig Unsinn nennen.
Andrea Tippel ist eine der bekanntesten Unbekannten aus dem Reich nichtrepräsentativer Kunstarbeit, war langjährige Lehrkraft an der HfbK Hamburg und äußerst scharfzüngige Begleiterin vieler Künstler und Kunstentwicklungen.“ (Oliver Ross/Simon Starke)

NEUSPRÉCH präsentiert Andrea Tippels Philoars Library, zusammengesetzt aus 108 DIN A3 Farbkopien von Zeichnungen, auf denen jeweils ca. 18 Buchrücken zu sehen sind. Zu diesem Werk schrieb Andrea Tippel 2009 (Auszug): „Die 2000 Titel der Bibliothek beziehen sich auf eine Hypothese, die ich vor ca 14 Jahren aufgestellt habe. Sie behauptet, daß die Kunst sich in der jetztigen Epoche in einer der Philosophie vor ungefähr 2400 Jahren, der Zeit des folgenreichen Übergangs von der sokratischen zur platonischen Denk- und Handlungsweise, die, u.a. auch vermittels der Verschriftlichung, den Übergang von der Weisheit selbst, Sophia, zur Philosophie, der Liebe zur Weisheit, markiert, vergleichbaren Situation befindet.
Die zentralen Begriffe der Bibliothek sind: Weisheit/Sophia, Philosophie und der von mir für das Entsprechungs-Phänomen geprägte Begriff Philoars.“

Andrea Tippel, geboren 1945, wuchs als die mittlere von drei Schwestern in Bremen auf. Sie absolvierte eine Ausbildung als Schauspielerin. Ihr künstlerisches Werk umfasst vor allem Zeichnungen und Texte, miteinander in Beziehung gesetzt, sowie Objekte. Ab 1980 erschienen zahlreiche Künstlerbücher, von denen sich mehrere in den Beständen des Zentrums für Künstlerpublikationen befinden.
Andrea Tippel pflegte enge Künstlerfreundschaften, so z.B. mit Suzanne Baumann, Peter Brötzmann, Henriette van Egten, Ludwig Gosewitz, Dorothy Iannone, Dieter Roth, Tomas Schmit und Jan Voss. Ihre erste Ausstellung fand 1974 gemeinsam mit Tomas Schmit in Bonn statt.
1997 übernahm sie eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. 2000 war sie Gründungsmitglied der Dieter Roth Akademie. Andrea Tippel starb 2012 in Berlin.

Mehr: Andrea Tippel auf der Seite der Galerie Melike Belir, Hamburg

(2) Annette Wehrmann

Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH: Annette Wehrmann, © Nachlass Annette Wehrmann/Ort des Gegen e.V.; VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Bettina Brach
Annette Wehrmann. O.T., 1990er Jahre, Wasserfarben auf Papier. © VG Bild-Kunst 2020
Annette Wehrmann. O.T., 1990er Jahre, Wasserfarben und Bleistift auf Papier. © VG Bild-Kunst 2020

Annette Wehrmann verstand sich mit dem Zuschnitt ihrer ganzen Arbeit immer als dezidiert politisch aufgestellt (lange bevor das in Mode kam). Ihr Sprechen/Schreiben reicht von scharf beobachteten Alltagssituationen über Grübeleien bis zu deutlich agitatorischem Vokabular. Interventionen nannte sie ihr künstlerisches, zumeist direkt an Zuschauende gewandtes Vorgehen. Die Fotosequenz der Blumensprengungen hatte sie schlagartig ins Gespräch gebracht. Weitreichend bekannt wurde ihre Arbeit für die Skulpturprojekte Münster 2007, die Inszenierung einer Pseudo-Baustelle für ein angebliches Spaßbad. Annette Wehrmanns Œuevre umfasst Muschelgeld aus Beton, Texte auf Luftschlangen, eine Widerstandswand aus Schaumstoff, ein Raumschiff als Tipi und jede Menge Textmalereien auf Papier. Sie könnte leicht als Vorläuferin heutiger Sozio-Kunst missverstanden werden, doch das was sie wollte, war Kunst als ein „Ort des Gegen“. Annette Wehrmann verstarb 2010 in Hamburg.  (Oliver Ross/Simon Starke)

Annette Wehrmann (*1961), war eine deutsche Künstlerin und Autorin. Annette Wehrmann studierte von 1985 bis 1993 Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und an der Städelschule Frankfurt. Ihr Diplom absolvierte sie bei Stanley Brouwn.
Wehrmann entwickelte eine starke singuläre, künstlerische Position zwischen Skulptur und Intervention, die kunsthistorisch an die Methoden der Konzeptkunst und Aktionskunst sowie an die Sprache der Situationistischen Internationale anknüpft. Mit ephemeren und billigen Materialien stellte sie Objekte her, die ein Spannungsverhältnis zu gesellschaftspolitischen, erkenntnistheoretischen und künstlerischen Großfragen produzieren. Mehr Info: annettewehrmann.de

2011 gründete sich in Hamburg der Ort des Gegen e.V. und schuf mit der Bewahrung des künstlerischen Nachlasses von Annette Wehrmann die Grundlage dafür, Kunst und Denken Annette Wehrmanns weiterzutragen. 2012 erhielt Ort des Gegen den Edwin-Scharff-Preis, eine posthume Ehrung der Künstlerin.

Annette Wehrmann im Künstlerbuch Too Special, 2000:
„Irgendwelche Machtkonstellationen, der soziale Kontext oder bloß irgendwelche Stimmen aus dem Fernseher, was auch immer da aus jemandem herausplappert, oder auch Autoren. – ich glaube, L. hat die Einzelnen damals ausschließlich so gesehen, so sehen wollen, nicht so sehr individuell, sondern lauter Verdopplung und Wiedergabe von Machverhältnissen, Machtverhältnissen. Und natürlich von Grenzverläufen, sehr wichtig. Heute leuchtet mir dieser Standpunkt ein, damals eher nicht. Ich denke, das wäre ein Grund, eine Kunstsprache oder eine Privatsprache zu konstruieren, im Bemühen, das eigene Sprechen nicht dauernd den ungebetenen Anderen zur Verfügung zu stellen. Gelebter Autismus, das Bemühen um Klarheit, das wäre eine solche Privatsprache, die solch eine Klarheit ja eben nicht aufweist, mit all den sonderbaren Konsequenzen, die das hat.“

(3) Gunter Reski

Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH: Gunter Reski: Raumjournal für Schweinezyklen, 2017/18, 2020. Foto: Bettina Brach
Gunter Reski: Ohne Titel, 2018, Acrylmarker und Kreide auf Papier. Courtesy Galerie Karin Guenther
Gunter Reski: Ausstellungsansicht „Organwanderung jetzt“, Galerie Nagel Draxler, Köln, 2018. Foto: Simon Vogel

Gunter Reski (*1963) ist schreibender Maler. Eigentümlich deformierte Wörter und Sentenzen, die überall in seinen Bildern herumgeistern, sind zeitweise fast zu seinem Markenzeichen geworden – jedenfalls gibt es nichts Vergleichbares. Alles an seinen Bildgeschichten steht irgendwie unter Druck. Gelegentlich wird der Bildraum auch gesprengt und in fraktalen Gebilden und Schreibformen in Mal- oder Collageform auf die Wand gebracht oder gar als meterlange Erzählungsbildtapeten raumgreifend installiert. Seine Schreibmalkonstellationen scheinen Zugang zu einer Fülle oder Überfüllung von Empfindungen und Ideen aus dem Alltag gefunden zu haben, die sich nur im Malakt ereignen können. Gunter Reski versteht sich dezidiert als Maler, schreibt allerdings auch jede Menge brillante Kritiken und Kolumnen und kuratiert Ausstellungen. (Oliver Ross/Simon Starke).

Gunter Reski studierte von 1986 bis 1992 Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, bei KP Brehmer und Gotthard Graubner. Seine Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, so z.B. in den Einzelpräsentationen Doktor Morgen, neue Sorgen borgen im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf (2013), Organwanderung jetzt in der Galerie Nagel Draxler in Köln (2018) und  Temporäre Haut in der Galerie Karin Guenther in Hamburg (2019). Außerdem kuratierte er Projekte und Ausstellungen. Seit 2013 ist er Professor für Malerei an der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Zuvor lehrte er in Hamburg, Oslo und Berlin.

Gunter Reski erhielt unter anderem das Stipendium der Barkenhoff Stiftung Worpswede (1997), das Arbeitsstipendium Stiftung Kunstfonds (2011) und den Edwin-Scharff-Preis in Hamburg (2013). Für zahlreiche Kataloge verfasste er Beiträge, seine Texte erschienen zudem in Texte zur Kunst und vielen weiteren Zeitschriften und Publikationen, veröffentlicht auch auf seiner Internetseite.  Gunter Reski lebt in Berin.

Zur Internetseite von Gunter Reski

„Um es kurz sagen, es interessiert (mich) weniger, ob der Pictorial Turn eventuell doch noch Kulturmaxime wird oder als Begriff datierungstechnisch womöglich seit dem ersten Atompilz versteckt am Wirken ist oder oder. Im visuellen wie im textuellen Terrain ist es jeweils die entsprechende bildliche Ebene, die mein Anliegen füttert. Mein Anliegen kann immer noch nicht besonders gut mit Besteck umgehen. D.h. es kleckert mitunter auch so ins Blaue hinein. Das Händeln mit einer bestimmten Art von Methaphernbillard sowie symbolträchtigen Bildkreationen bringt auf die Dauer mit Glück nicht nur bessere Resultate mit sich, sondern auch vage Einblicke in die Handicaps einzelner Medienbegebenheiten. Ein Bild erscheint mir mitunter etwas feierlich, ein Text dagegen etwas flüchtig. Oder am nächsten Tag umgekehrt. Von daher plagt mich schon länger eine kleine Glücksvorstellung, wie es wäre, die von mir gern besuchten Vorteile der einzelnen Medienpanels unter einen Hut zu bringen.“

Aus: Gunter Reski: „Volltext mit Bildboom“ (Starship, #2, 1999).

(4) Aleen Solari

Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH: Aleen Solari, hyper 12, (Detail), 2020, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Bettina Brach
Aleen Solari, Ausstellungsansicht „898989“, Galerie Melike Bilir, Hamburg 2017, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Aleen Solari, Detail, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Aleen Solari (*1980) baut Raumassemblagen, in denen Süßes mit Aggressivem kollidiert, das Handgetöpferte mit dem Massenmedialen, das Kindliche mit dem Politischen, das geschlossen Bildhafte mit einem disparaten Nicht-ins-Bild-Passen. Sanftfarbige Hinterleuchtung trifft auf Betonbausteine, Küchenutensilien auf Fußballpolitsprüche, weibliche Emanzipationslyrik auf phallokratische Termini, Appetitliches auf Unappetitliches. Die Gemengelage wirkt atmosphärisch zeitgemäß skandalös und skandalfrei zugleich, so als sei ein Gespräch inmitten des Gesprächs erstarrt. (Oliver Ross/Simon Starke)

Aleen Solari studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei Prof. Jutta Koether. Seit 2009 waren ihre Arbeiten in über 30 Präsentationen in Hamburg zu sehen sowie in Ausstellungen in London, Berlin, Leipzig, Bonn und weiteren Orten. Einige ihrer Installationen bilden zugleich den Raum für Performances. Dazu lädt sie Akteur*innen ein, die nicht wie im Theater einer bestimmten Regie folgen, sondern sich selber darstellen, anwesend sind. Eine der wenigen Vorgaben: es darf nicht gesprochen werden. 2015, für die Installation New Kidz in Hamburg, waren es jugendliche Fußballfans, für die Ausstellung Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit 2017 in der Hamburger Kunsthalle, zwei pensionierte Polizist*innen.

Anna Sabrina Schmid beschreibt Aleen Solaris künstlerische Qualität so: „Solari ist eine hervorragende Beobachterin, die durch sichtliche Freude auch im Umgang mit existierenden Materialästhetiken Szene-Codes zitiert und Stimmungen zielsicher trifft. Dies tut sie mit einem Augenzwinkern, ohne dabei respektlos oder überheblich zu sein. Ihre Arbeit zeugt von Liebe zum Material, Einfühlungsvermögen, Verstehenwollen, dem Wunsch nach Auseinandersetzung und Verständigung.“

(5) Jan Voss

Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH: Installation Jan Voss (Detail), 2020. Foto: Bettina Brach
Jan Voss, Seitensprung. Spielart A. Selbstverlag, 1989. ASPC/Zentrum für Künstlerpublikationen, Foto: Bettina Brach
Jan Voss, meerwärtssteuer!. Köln: Edition Hundertmark, 1988. ASPC/Zentrum für Künstlerpublikationen, Foto: Bettina Brach
Buchladen Boekie Woekie in Amsterdam

Jan Voss ist als malender (1) Buchhändler an allem interessiert, was sich zwischen Kunst und Buch tummelt. Das Buch als Gegenstand und Ort künstlerischer Auseinandersetzung ist dabei nicht Liebhaberei des Privaten, sondern quasi Entfaltung eines eigenen Genres, in dem ein anderer Ton ermöglicht wird als ihn die „große“ Kunst anschlägt. (2) Deswegen ist es nur konsequent, dass er mit seinem Buchladenprojekt auch zugleich eine andere Öffentlichkeit sucht als die der Museumsgänger und Malereischinken. Seine kleinformatigen Bilder beziehen sich oft auf poetische Witze über Bücher, sind selber Ergebnisse eines im doppelten Sinne erlesenen Wortwitzes, den man aber eher gewitzt als witzig nennen sollte. Jan Voss gibt seit Jahrzehnten Künstlerbücher heraus, macht selber welche, und betreibt zusammen mit Henriëtte van Egten und Rúna Thorkelsdóttir seit 1986 den Künstlerbuchladen Boekie Woekie in Amsterdam. (3)

(1) Als Maler würde ich lieber nicht gelten, das Wort ist mit etwas beladen auf das es mir nicht ankommt. Das mit Farbe und Leinwand ist nur ein Notbehelf, Modellbau ist so aufwendig, aber Szenen, die mir einfallen, lassen sich meistens mit dem Pinsel leichter darstellen. In vielen Fällen tun Worte es am besten.
(2) Und durchgehend kleinformatig sind meine Bilder nicht, das Format hat oft mit dem Umstand zu tun, ob abzusehen ist, dass die Bilder in den Koffer müssen, oder nicht.
(3) Und auch noch eben dies: Seit 1971 immer wieder in Island, oder Beginn eines zweites Lebens dort.

(Oliver Ross/Simon Starke; Fußnoten von Jan Voss)

Jan Voss (*1945 in Hildesheim) studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Dieter Roth. Seit den 1970er Jahren lebt er in Amsterdam und Island. Im Jahr 2000 war er Mitbegründer der Dieter Roth Akademie. Jan Voss und sein Boekie Woekie, books by artists sind ein wichtiger Bezugspunkt für die Entwicklung und das Verständnis von Künstlerpublikationen, wie sie im Zentrum für Künstlerpublikationen gesammelt werden. Für Guy Schraenen, dessen Archive for Small Press & Communication 1999 die Basis für die Gründung des Zentrums für Künstlerpublikationen bildete, war Boekie Woekie mit seiner kleinen Galerie stets eine im freundschaftlichen Austausch besuchte Anlaufstelle.
Künstlerbücher, von Jan Voss selbst geschaffen, verlegt oder vertrieben, sind in den Sammlungen des Zentrums zahlreich vertreten, mittlerweile ebenso das Archiv von Boekie Woekie.

Über seine Vorstellung von Kunst schrieb Jan Voss im Zusammenhang mit seiner Einzelausstellung Altes und Neues 2019 in der Galerie Marlene Frei in Zürich: „Jedenfalls soll sie erhellen. Kunst soll erheitern, aufklären, und was der schönen Worte mehr sind. Wie wäre es, den Nutzen Nahrung, Wegzehrung zu nennen, für den langen Marsch vom Gedanken zur Realität? Auch praktisch wäre, wenn Kunst sich von tiefen Denkern als Schnorchel gebrauchen ließe.“

Hier geht es zur Internetseite von Boekie Woekie – mit mehr Informationen und natürlich einem großen Angebot von Künstlerbüchern. boekiewoekie.com

(6) reproducts

Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH: reproducts: Videoinstallation „Gesundbrunnen“, 2020. Foto: Bettina Brach
reproducts: Bilder aus dem Fernsehmuseum

reproducts (ab 1987) ist eine Künstlerformation, die sich der Aufarbeitung bestimmter deutschsprachiger Fernsehformate widmet. Die Ergebnisse lassen eine Befremdung des sprachlich und bildlich allzu Vertrauten entstehen, komisch unangenehme Wiederbegegnungen mit Allerwelts-Fernsehen und dessen Bildsprachen. Es ist, als ob man über einem Feld kreiste und sich dauernd wundert und sich dabei über diese Verwunderung verwundert… mit ihren banalen Mitteilungen und ihren verzweifelt um Wiedergutmachung ringenden Schlaglichtern aus einer Welt der Dinge und Dienstleistungen, die einfach nicht funktionieren wollen. Für Außenstehende ist das zum Lachen – innen drin ist es die Hölle.  (Oliver Ross/Simon Starke)

reproducts über GESUNDBRUNNEN:
„Der entscheidende Tweet aus Adornos Ästhetischer Theorie lautet:
Alle Kunst entspringt aus Leiden.
Folgerichtig stehen Kurorte von Beginn an immer wieder im Zentrum unserer ästhetischen Praxis. Denn wo sich alles um das Leiden dreht, zieht die Kunst die Kreise.
GESUNDBRUNNEN – ein Projekt der KKKK (Kranken-Kassen-Kur-Kooperative) – fasst audiovisuelle Arbeiten aus allen Schaffensperioden zusammen, die diesem Leiden endlich ein Ende machen wollen.“

reproducts über reproducts:
„reproducts, Hamburg: Auf externe Anforderung oder als interne Forschungsinvestition betreibt das Unternehmen seit dem vorigen Jahrtausend Analysen der Passionen des Seins. Im reproducts-Archivlabor werden die massenmedialen Niederschläge hiervon gesammelt und destilliert. Konzentrierte Meditationen über die Technikgläubigkeit der 50er, das Nazi-Trauma der späten 60er, die talkenden TV-Beichtstühle der 90er, die computerisierte Zukunft des Kurwesens oder die kommenden Jugendtrends 22. Jahrhunderts – das reproducts-Archivlabor ist ein Generator für Momentaufnahmen im Spiegeltunnel der Wechselwirkung von Bild und Abbild, von Medium und Welt im Auge des Betrachters.“

Hier geht es zur Internetseite von reproducts

(7) NEUSPRÉCH und das Zentrum für Künstlerpublikationen

Auswahl von Artists' Writings, Zentrum für Künstlerpublikationen. Foto: Bettina Brach
Künstlerbücher von Claus Böhmler, Bernhard Joh. Blume und Tomas Schmit, Zentrum für Künstlerpublikationen. Foto: Bettina Brach

NEUSPRÉCH
Poetologische Fahrt ins Zentrum

Ein Zufall wehte uns an Bremen vorbei, zufällig fiel dem einen das Zentrum ein und dabei zufällig dem anderen der Titel Neusprech. Es war ein Ein-Fall in die Burg an der Weser, als Vorfall. Es fiel uns auf, dass da was zusammenfällt… Alles, was der Fall ist. Ist das noch Zufall?
Wir sprechen das Alte neu. Wir sprechen hier nicht von einem langsamen Anwachsen und Aufblühen einer über Jahre gehegten Idee. Es geht um etwas Altbekanntes, – aber neu, weil sichtbar besprochen. Wir sprechen über einen Einschlag (oder Umschlag), mit dem ganz unverhofft drei Enden eines Tuches (?) den Nicht-Gegenstand Sprache umkrallten: Kunst/Buch/Poesie – politische Sprache/Gesellschaft – Kunst. Da war, dank dieses Orts-Zentrums für Künstlerpublikationen, endlich die Möglichkeit, zwischen den drei Stühlen Platz zu nehmen! „Ort des Gegen“ (Annette Wehrmann)? Widerwortort? Ausweichquartier? Jedenfalls kein reines Kunstgehege.
So zackig, wie sich das Dreieck anfühlte, so zackig war das Buch voll, in das Namen von Neusprechler*innen eingetragen wurden. Die merkwürdige Einmütigkeit bei dieser Auflistung sagte uns: logisch, es gibt NEUSPRÉCH nicht bloß als Behauptung. Es gibt Künstler*innen dieser Kunst-Dialektik des Sprachdialekts. Es gibt sogar Substanzen, die dieser windigen oder gewundenen Idee von NEUSPRÉCH ent-sprechen. Irgendwo im Morast Hamburger Kunstlehre angezüchtet, aber schon damals mit internationalen Wassern gegossen,– und gewaschen.
NEUSPRÉCH ist also ein aufgefaltetes Buch. Nicht mit steifem Rücken, ledergebunden, mit sauberem Verzeichnis, sondern magazinartig, mit eingeklebten Bildchen, ein paar Ecken, nicht so gutes Papier, ein Heft zum Blättern und Sich-lustig-Machen, Erschrecken und gedanklichen Versinken. Gut für die Fahrt im Zug geeignet, denn die Mysterien finden heute bekanntermaßen auf dem Bahnhof statt. Viel zu sehen, denn Lesen ist hier Gucken. Das macht Laune.
Aber: es fehlte noch etwas am Titel. Das Etwas, die Betonung der Abweichung, die Aufweichung von Konfrontationen. Eine Akzentuierung, ein Akzent, ein unaussprechliches Surplus! Ein Ausrufezeichen! NEUSPRÉCH, griechisch-französisch vertont. Schwäbisch konnotiert: Noi-schwätze, und dann weitergeschraubt Noise-bréch. Es blieb aber nicht beim Sprachspiel…
(Oliver Ross/Simon Starke)

Zwei Künstler aus Hamburg, mit Wurzeln in der Hamburger Kunstlehre, entfalten NEUSPRÉCH in Bremen. Im Gepäck haben sie zehn weitere künstlerische Positionen, die in ihrer Gesamtheit einen raumbezogenen Ausstellungsparcours entwickeln. Der Ansatz, den Begriff Neusprech aus George Orwells Roman 1984 neu akzentuiert und mit Blick auf das Widerständige im Kontext bildender Kunst aufzugreifen, hat im Zentrum für Künstlerpublikationen nicht nur einen passenden Ort gefunden, sondern zugleich einen dem Thema nahe stehenden, umfangreichen und international einzigartigen Sammlungsbestand.
Integraler Teil der Ausstellung ist somit eine Auswahl von Künstlerbüchern, -zeitschriften, -zeitungen, -plakaten, -schallplatten sowie Artists‘ Writings – theoretische Texte von Künstler*innen, die grundlegende Manifeste, Analysen, Statements und Äußerungen zu den Kunstströmungen des 20. und 21. Jahrhunderts formulieren.
Mit Claus Böhmler, Bernd Joh. Blume, Tomas Schmitt, Werner Büttner oder Gerhard Rühm sind Künstler vertreten, die an der Hochschule für bildende Künste lehrten. Sie stehen für einen Diskurs, in dem das Denken, Sprechen und Reflektieren über Werkbegriffe und über Kunst generell wesentliche Elemente sind. Weitere Künstlerpublikationen reichen von historischen Vorläufern des Dadaismus oder Futurismus bis zur amerikanischen Konzeptkunst, von Fluxus bis zu aktuellen Künstlerpublikationen. Und nicht zuletzt sind einige der von Oliver Ross und Simon Starke ausgewählten NEUSPRÉCH-Künstler*innen schon lange mit Werken im Zentrum für Künstlerpublikationen vertreten – so etwa Andrea Tippel, Armin Chodzinski oder Jan Voss.
„Sprache, von Kunst befallen“. Zentrum für Künstlerpublikationen – von NEUSPRÉCH befallen. Gerne.

(8) Ingrid Scherr

Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH: Arbeiten von Ingrid Scherr (links) und Peter Lynen. Foto: Bettina Brach
Ingrid Scherr, I am _am I, Zeichnung, 2020
Ingrid Scherr, I am _am I, Handtasche, 2020. Foto: Ingrid Scherr

Ingrid Scherr (*1962) ist Malerin, Musikperformerin, Bildhauerin und Kunstpoetin. Ihre wilden Auftritte sind wie ihre Malerei von einem unbändigen Unabhängigkeitswillen getragen, der sich in einer schalkhaft-verklumpten Sprache Bahn bricht. In ihren Stücken entzieht sie sich dem „Musikalischen“, in der Bildhauerei dem Bildhauerischen und in der Malerei dem Malerischen. Ihre Sprache ist von euphorischer Verweigerung und genuiner Inspiration, kaum ein Satz, den nicht ein Lachen oder eine abgründige Betrübtheit begleitet. (Oliver Ross/Simon Starke)

Ingrid Scherr wurde 1962 in München geboren. Sie studierte Kommunikationsdesign an der FH Würzburg/Schweinfurt und Freie Kunst an der HfbK Hamburg, bei Professor Bernhard Johannes Blume. Ihre Arbeiten zeigte sie auf Ausstellungen in Hamburg, München, Berlin, Riga, Zürich und weiteren Orten. Gemeinsam mit Peter Lynen und Alexander Hoepfner gründete sie die Gruppe WUUUL. Das künstlerische Werk von Ingrid Scherr ist ausgesprochen vielfältig. Es umfasst unter anderem Steinskulpturen aus recyceltem Gasbeton oder elektronische Klangcollagen einer „postfeministischen Volkssängerin“.

Mehr auf der Webseite von Ingrid Scherr


Ingrid Scherr: Neuspréch_ I am – am I

Entschuldigung… völlige Verwahrlosung weggesperrt in tiefster Dunkelheit – Komaglotzer – fehlendes Sprach-und Erinnerungsvermögen. Befinden wir uns im 19.Jahrhundert im Kasper Hauser Syndrom?
Nöchen – Aufgepasst – Hook up culture peoples. Keine emotionale Bindung – keine Beziehungen und Freunde – im Klickschritt – im Arsch.
Was für eine wohltuende Umgebung – nie mehr selber putzen. Ab heute stehen auf wir auf Skandigirls und Nacktyoga… nur wie bekomme ich meine Lingeries wirklich sauber?
Yeeeees – bin ganz hygge. Leben in einer Welt voll Wollsocken, Duftkerzen, ungenießbaren Teevariationen und feinsten Zuckerschnuten. Shape babe!
Was? Wer? Ich? Ich feier das weg.
Kampf dem Weltschwachsinn.

(9) Armin Chodzinski

Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH: Armin Chodzinski, Der Vortragsraum, 2020, Foto: Bettina Brach
Armin Chodzinski, Videostill "Freiheit", 2019
Armin Chodzinski beim Aufbau von „Like Anselm Kiefer!“, 2013. Foto: Bettina Brach

Armin Chodzinski (*1970) ist als Künstler eine Weile in der Unternehmensberatung tätig gewesen. Nicht so sehr, um Konzernen künstlerisch auf die Sprünge zu helfen, sondern um Kunstforschung an der Wirtschaft zu betreiben und strukturelle Verhältnisse der Betriebswelt künstlerisch sichtbar werden zu lassen. Er zielt dabei nicht auf einfach gestrickte Bewertungen, sondern gleicht Komplexitäten wirtschaftlichen und künstlerischen Handelns miteinander ab. Er schreibt und baut Broschüren, macht Auftritte und entwickelt halbwissenschaftliche Ausstellungssettings.  (Oliver Ross/Simon Starke)

Armin Chodzinski studierte Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig bei Thomas Huber und Raimund Kummer. An der Universität Kassel promovierte er im Fachbereich Anthropogeographie zum Thema „Kunst und Wirtschaft. Peter Behrens, Emil Rathenau und der dm drogerie markt“. Für den SWR entwickelt er seit 2015 die Feature-Reihe Dr. C.’s Conversationslexikon – Eine ökonomische Radiofeature-Reihe mit und ohne Publikum. Seit dem Wintersemester 2017/18 ist Armin Chodzinski Gastprofessor im interdisziplinär-künstlerischen Bereich des Studium Generale an der Universität der Künste Berlin.
Für die Ausstellung Bandsalat – Aufnahme, Rücklauf, Wiedergabe, Stopp. Audio-Kassetten in der zeitgenössischen Kunst 2013 im Zentrum für Künstlerpublikationen baute er seine aus mehreren Tausend Kassetten bestehende Rauminstallation „Like Anselm Kiefer!“ auf.

Armin Chodzinski: Ri, Ra, Reaktion – ein Selbstgespräch
Je näher man den Dingen kommt, desto detailreicher und uneindeutiger werden sie, schöner und hässlicher größer und kleiner.
Was eben noch Lösung war, ist jetzt der Kern des Problems. „Alles ist heute so komplex…“, sagen viele, weil sie sich eine Zeit zurückwünschen, die es nie gab. Es war immer komplex, nie einfach und das Eindeutige meist fatal. Trotzdem wünscht sich die Hoffnung eine unbedingte Euphorie, klare Aussagesätze – wenigstens ein verklärtes Leuchten in den Augen, Gerechtigkeit und Glück. Es ist alles verdammt einfach, nur eben sehr kompliziert.

Mehr auf der Webseite von Armin Chodzinski

(10) Hans-Christian Dany

Hans-Christian Dany: Publikationen/Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH, 2020. Foto: Bettina Brach

Hans-Christian Dany (*1966) schreibt als „Künstler“ und ist 15 Jahre lang Mitherausgeber der Zeitschrift Starship gewesen, was er vor sechs Jahren an den Nagel gehängt hat, um sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Seinen Themen und Texten ist manchmal ein zorniger, oft ein schweifender, immer aber möglichst genau formulierender, unkorrumpierter Ton eigen, der keinem literarischen, theoretischen oder philosophischen Maßstab Rechenschaft trägt, sondern dem intensiven Bedürfnis eines gesellschaftlich offenherzigen Nachdenkens. Er bleibt dabei dicht am Persönlichen. Zugleich stellt er weitreichende abstrakte Überlegungen an und unternimmt genaue Recherchen zu Hintergründen und Zusammenhängen. Sein Schreiben bleibt dem Künstlerischen verpflichtet, weil es sich Logiken eines gesellschaftspolitischen Funktionierens widersetzt. (Oliver Ross/Simon Starke)

„Hans-Christian Dany, geboren 1966, lebt als Künstler in Hamburg und schon lange im Urlaub von dem, was er tun soll. Wie viele, die nicht wissen, wohin mit sich, schreibt er. Manchmal werden daraus Bücher.“ (Webseite Edition Nautilus).
Hans-Christian Dany studierte Freie Kunst an der HfbK Hamburg. Er war an Ausstellungen u. a. in der Kunsthalle Hamburg, Shedhalle Zürich, Kunsthalle Wien und im Kunstverein Baden Baden beteiligt.

Hans-Christian Dany: Morgen werde ich Maler
Der Wunsch, die Wiederholungen und ihre Funktionalität im falschen Leben zu unterbrechen braucht nicht gleich in kopflose Aufregung verfallen. Perspektivischer scheint es, gelassen zu schauen, was passiert, wenn die Selbstbezüglichkeit der Regelkreisläufe, zugunsten riskanter Hypothesen verlassen wird. Die Augen zu öffnen dafür, wo sich grazile Fäden zu Fluchtlinien bündeln. Es geht nicht um einen riskanten Gestus, der sich repräsentativ beweisen muss, sondern um diskrete Überschreitungen, die auf das Unbekannte zugehen und Fäden zum Ausgang legen. Es wäre eine politische Kunst ohne kritischen Inhalt, deren Freiheit sich gegen die Steuerung von Kommunikation sträubt und versucht, sich nicht mehr von ihr einholen zu lassen. Es wäre eine wild gewordene Sorge der Idioten um ihr kollektives Selbst, die heitere Umstände feiert.

Aus dem Katalog The Happy Fainting of Painting, Köln 2014
Hrsg. Hans-Jürgen Hafner, Gunter Reski

(11) Peter Lynen

Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH: Peter Lynen (vorne links: Ingrid Scherr), 2020. Foto: Bettina Brach

Peter Lynen (*1971) ist schwerpunktmäßig Bildhauer, ohne sich dabei an spezifische Verfahren zu binden. Immer scheint in seinen Arbeiten ein gedanklicher Kern emotional zu rumoren. Verstrickungen der Psyche in Funktionen der Weltphysik spiegeln sich in teils ausladenden Arrangements. Sprache kommt eher der Stoßwirkung als einer Erklärung wegen zum Einsatz. (Oliver Ross/Simon Starke)

Peter Lynen wurde 1971 in Genf geboren. Er studierte von 1992 bis 1999 freie Kunst an der HfbK Hamburg bei Prof. Claus Böhmler. Seit 2017 betreibt er gemeinsam mit Ingrid Scherr und Martin Senn die Kunsthalle Schlieren im Kanton Zürich. Peter Lynen lebt in Osnabrück und Zürich. In den in NEUSPRÉCH unter dem Sammelbegriff „New Alphabets“ gezeigten Arbeiten verwebt Peter Lynen unterschiedlichste Sprachtypen: Vom Gencode der Buchstabensuppe, der Melanozyten-Malerei eines Kuhfells zu den Stimmen aus dem All. Von der Blindenschrift, der Numerik und der Wurmschrift bis hin zum Kunsthistorikersprech.

„Mein künstlerischer Ansatz besteht in der Erzeugung von Bastarden aus naturwissenschaftlich-technischen Vorgehensweisen und den kunst-philosophischen Manifestationen der Seele. So entsteht eine Art Fusionsreaktor, der Themengebiete wie Halluzination und Geometrie oder Elementarteichen und Psyche… miteinander verschmelzt. Aus der Vielzahl dieser fusionierten Bastarde erhoffe ich mir eine Art theoretische Evolution, die nicht sprachlich sondern vielsinnig wahrgenommen werden kann“.
Peter Lynen

(12) Oliver Ross

Oliver Ross: Beichtstuhl, 2020. (Detail). Ausstellung Neuspréch. Foto: Bettina Brach, © VG Bildkunst, Bonn, 2020
Oliver Ross: ALLES SCHON GESCHRIEBEN (ROSSOLOGISCHE URSCHRIFT), 1991, 30cm x 15cm, Insektenbeine und transparenter Klebefilm auf Papier in Skizzenbuch. © VG Bildkunst, Bonn, 2020

Oliver Ross (*1967) fertigt komplexe, grellfarbig wuchernde Bildobjekte und begehbare Stellagen, in die ein psychopathetisches Vokabular verwoben ist, das dem Geschichteten und Prozesshaften eine grell ironisch-existenzielle Note einverleibt. Der Eindruck eines flach angeordneten Durcheinanders, einer Art durchsichtig strukturierten Deliriums, entwickelt offenkundig hohe Anschlussmöglichkeiten an alle nur denkbaren Materialien, Medien und Sprachformen. (Oliver Ross/Simon Starke)

Oliver Ross wurde 1967 in München geboren und lebt in Hamburg. Dort studierte an der HfBK Hamburg bei Prof. Bernh. Joh. Blume. 2013 gründete er die „neue integrative Segte“ ROSSOLOGY, deren einziges Mitglied er ist; weitere Mitglieder werden nicht aufgenommen. Die Hintergründe und Ziele formuliert er in sieben Punkten zu „Was ist ROSSOLOGY?“ Zusammen mit Simon Starke entwickelte er Idee und Konzept der aktuellen Ausstellung NEUSPRÉCH im Zentrum für Künstlerpublikationen. Einen Überblick und viele visuelle Eindrücke zu Oliver Ross‘ Installationen, Collagen und Texte vermittelt der Künstler auf http://www.oliverross.net/

Oliver Ross in einer Mail vom 30. 1. 2020:
„Und immer dort, wo Kunst und Philosophie die Phrasen aus den täglichen Themen etwas anders nur nachplappern, verlassen sie sich. Kunst wird dann missbraucht. Die Biennalen und thematischen Ausstellungen sind voll davon. Schon vor Jahren hatte ich den Eindruck, dass auch die Künstler ihre Kunst von ihrer Einbindung in international verabredete Kuratoren-Diskurse wieder emanzipieren müssten. Im Sinne einer musischen Verbindung zur Sprache. Also nicht nur die Sprache mit den Mitteln der Kunst emanzipieren, sondern auch die Kunst mit Mitteln der Sprache, ich denke, das geht Hand in Hand, oder es geht gar nicht. Wenn es stattfindet, hast Du beides. Also: Immer poetologisch progressiv bleiben!“

(13) Simon Starke

Simon Starke: Versäumtes Versagen, Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH, 2020, Foto: Bettina Brach
Simon Starke: Versäumtes Versagen, Ausstellungsansicht NEUSPRÉCH, 2020, Foto: Bettina Brach

Simon Starke (*1958) stellt Rauminszenierungen zusammen, plastische Bastelarrangements mit Fundstücken, Ausstellungsenvironments, in denen künstlerisches Equipment einer grundlegenden Revision unterzogen wird. Sprachliche Äußerungen tauchen äquivalent zu Bildern und Möbeln wie Fraktale in einem Geschiebe auf, die Veranstaltungen sind von Titeln komisch verfärbt. Im Mittelpunkt steht die räumliche und intellektuelle Situation des Zeigens, das Ausstellen. Gleichnissen ähnlich scheint oft von etwas Bedeutsamen die Rede zu sein, doch es ist die „Rede“ selber, das Zeigen, welche die „Bedeutung“ macht. (Oliver Ross/Simon Starke)

Simon Starke absolvierte ein erstes Staatsexamen für Kunst und Deutsch an Realschulen in Heidelberg. Das Studium an der HfbK Hamburg bei Franz Erhard Walther entwickelte den Bezug zum Raum, Philosophie bei Hans-Joachim Lenger eröffnete die Einlassung ins Denken. Von 1996 an kuratierte er Gruppenprojekte, ging Kooperationen mit verschiedenen Künstler*innen ein, stellte an freien Orten und in institutionellen Zusammenhängen  konzeptuell-raumbezogene Installationen aus. Nebenher entstand eine ganze Reihe von Texten und Künstlerbüchern. Simon Starke lebt und arbeitet in Hamburg.
In der Ausstellung NEUSPRÉCH, die er mit Oliver Ross zusammen konzipiert hat, zeigt Simon Starke eine für den „Gang“ entworfene zwanzigteilige Tafelreihe mit dem Titel Versäumtes Versagen: Ein Doppelsaum von Wörtern mit der Vorsilbe VER in Styropor geschnitzt, anekdotische Sentenzen und transparente SW-Kopie von Schnüren und Knoten, SprachVERknüpfungen.

Simon Starke: Notiz
Wir sind genervt, nicht nur wegen Corona, vorher schon, wir sind angestrengt, wir haben das Gefühl, dass etwas grundsätzlich aus dem Ruder läuft. Wir, die wir Ausstellungen besuchen genauso wie „die Rechten“. (Schließt sich das gegenseitig aus? Kann man das trennen?).
Es ist nicht mehr das Aufkommen eines Entsetzens, wie in den 80ern, sondern eine Art Traumatisierung durch einen vergangenen Einschlag. Wir müssten ihn verarbeiten, aber wie? Wie die, die dem Krieg entkommen sind? Wer spricht mitten im Gefecht davon, dass es ihm zuviel wird? Burnout?
Wir wollen weder all die Fronten auflisten, an denen gekämpft wird, noch so tun, als gäbe es keine. Doch unerwartet hat sich eine Frontlinie dort gebildet, wo das Zur-Sprache-Bringen selber zur Debatte steht. Wie können wir miteinander frei reden, wenn jeder jeden frei Haus beleidigen kann?
Es ist eine Frage des Stils, ganz klar. Hatespeach ist erst mal mangelnde Diskretion. Doch die Anprangerung einer stilistischen Zerrüttung, ja Verwüstung, ist nur die wohlfeile Reaktion eines medialen Beleidigt-Seins auf die Kündigung und Zerlegung des Vernunft-Konzepts. Niemand entkommt dem Sprechen, das haben sich andere schon sehr viel ausgiebiger zunutze gemacht.
NEUSPRÉCH ist nicht das, was jetzt landauf landab als sozialkritische Kunst verkauft wird, so als sei Kunst ein Nebenerwerbshof des Theaters. Dessen bildungsbürgerlicher Auftrag ist von Kunst nicht duplizierbar, denn Kunst meint nicht, sondern sie ist. Sie meint das, was sie ist. Bildende Kunst kann überhaupt nur sehr beschränkt Kritik darstellen, weil alles, was mit Kunst gemacht wird, Bejahung ist, „ja ja ja“ (sonst würde es ja nicht gemacht). Entscheidend ist vielleicht auch, was nicht gemacht wird, Diskretion.