Ulla von Brandenburg

Eine Landschaft ohne Blau, wie ungefähr

11.12.2021 - 10.04.2022
Ulla von Brandenburg
Ulla von Brandenburg, Color Notation (Yellow), 2021. Im Hintergrund: Feste Erde, flüssiger Wind (Installation), 2021. Beide: Courtesy Ulla von Brandenburg & Weserburg Museum für moderne Kunst, Foto: Tobias Hübel
Ulla von Brandenburg
Ulla von Brandenburg, Blaue und Gelbe Schatten V (Installation), 2021, Courtesy Ulla von Brandenburg & Weserburg Museum für moderne Kunst, Foto: Tobias Hübel
Ulla von Brandenburg
Ulla von Brandenburg, Eine Landschaft ohne Blau, wie ungefähr (Detail), 2021, Courtesy Ulla von Brandenburg & Weserburg Museum für moderne Kunst, Foto: Tobias Hübel

Ulla von Brandenburg (geb. 1974 in Karlsruhe, lebt in Paris) verwandelt die Ausstellungsräume des Museums mithilfe von großformatigen Stoffen in farbintensive Traumwelten. In sinnliche Erlebnisräume, die Impulse aufnehmen aus Folklore und Gesang, Theater und Zirkus, Tanz und Architektur. Unterschiedliche Materialien und Gattungen werden dabei im Sinne eines Disziplinen übergreifenden Gesamtkunstwerks zu einer losen Geschichte zusammengeführt: intime Objekte, fantasievolle Filme, Aquarelle und Performances mit vielfältigen Bezügen zu Literatur und Kunstgeschichte, rituellen Handlungen und Anthropologie. Die Künstlerin selbst beschreibt ihr künstlerisches Vorgehen als „räumliche Inszenierung“.

Ein Museum im Museum für Bremen

Die Ausstellung Eine Landschaft ohne Blau, wie ungefähr (ein Zitat aus Goethes Tafeln zur Farben-lehre und deren Erklärung) wird speziell für die Räume der Weserburg Museum für moderne Kunst konzipiert. Unterschiedliche Farbatmosphären gestalten einen groß angelegten Parcours, ein Museum im Museum. Mittels ausladender Vorhangstoffe werden die den Konventionen des White Cube verpflichteten, architektonisch nahezu offen angelegten Räume der Weserburg grundlegend verändert und in eine Vielzahl monochromer Farbbereiche von unterschiedlicher Größe transformiert. Sie bilden das Setting, in das die Künstlerin fünf ihrer aktuellen Filme einspeist, ergänzt von facettenreichen, gleichermaßen rätselhaften wie erzählerischen Aquarellen und Objekten, einer Performance zur Eröffnung sowie ausgelegtem Quellenmaterial, das einige ihrer wichtigsten Bezüge offenbart.

Zwischen offenem Spiel und begrenzender Norm

Vordergründig untersuchen die Werke von Ulla von Brandenburg Aspekte des Theatralen und Bühnenhaften, befragen Momente zwischen Illusion und Wirklichkeit. Doch darin verborgen spüren sie immer auch unser aller Zusammenleben und Dasein nach: So geht es etwa um Fragestellungen nach dem Verhältnis von Individuum und Gruppe, nach unserem Umgang miteinander, nach der Zirkulation von Objekten und Materialien in unserer neoliberalen Gesellschaft, nach den allem menschlichen Sein innewohnenden Transformationsprozessen, nach der Schwierigkeit, den eigenen Ort zu finden, oder nach sozialen Strukturen zwischen Individualität und Regeln, offenem Spiel und begrenzender Norm, Aktivität und Passivität.

Eine Landschaft ohne Blau, wie ungefähr präsentiert eine künstlerische Welt, die um überlieferte Traditionen und gesellschaftliche Konventionen weiß und diese spiegelt, um sie überwinden oder positiv nutzen zu können. Die Ausstellung ist das Angebot eines Gegenentwurfs, der sich über starre, im Beweisbaren verhaftete Vorstellungen hinweg- und ihnen Offenheit und Veränderung entgegensetzt.

Zum ersten Mal in diesem Umfang in Deutschland

Eine Landschaft ohne Blau, wie ungefähr in der Weserburg Museum für moderne Kunst ist die erste Ausstellung in Deutschland, die das Schaffen der international bekannten Ulla von Brandenburg in einem derartigen Umfang präsentiert – für Norddeutschland handelt es sich darüber hinaus um die erste Museumsausstellung der Künstlerin.

Während der Ausstellungslaufzeit erscheint ein zweisprachiger Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König mit Texten von Chantal Pontbriand und Janneke de Vries sowie einem Gespräch zwischen Ulla von Brandenburg und Loïc Touzé.

Kuratiert von Janneke de Vries

 

Ausstellung auf Ebene 3 und 5

 

Mit freundlicher Unterstützung durch
Mit der freundlichen Unterstützung des Bureau des arts plastiques des Institut français Deutschland und des französischen Ministeriums für Kultur
Medienpartner

Ulla von Brandenburg - Vita

Portrait Ulla von Brandenburg, Foto: Jan Northoff Fotografie

Ulla von Brandenburg wurde 1974 in Karlsruhe geboren. Auf ein Studium der Szenografie und Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und einen kurzen Aufenthalt in der Theaterwelt folgte ein Studium der bildenden Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg.

Ihr international viel beachtetes Werk war in zahlreichen Einzelausstellungen zu sehen, zuletzt etwa im Palais du Tokyo in Paris (2020), in der Whitechapel Gallery in London, im Musée Jenisch Vevey in der Schweiz, im Kunstmuseum in Bonn (alle drei 2018), im Perez Art Museum in Miami, im Museum für Zeitgenössische Kunst in Saint Louis (beide 2016), im MAMCO in Genf (2014) oder der Secession in Wien (2013). Neben den Teilnahmen an Gruppenausstellungen überall auf der Welt war die Künstlerin an den Biennalen in Sydney (2014), Lyon (2011) und Venedig (2009) beteiligt. Ihre Werke sind in renommierten Sammlungen wie der Tate Modern in London, dem MAMCO in Genf, dem Centre Pompidou in Paris oder dem Mudam in Luxemburg vertreten.

Ulla von Brandenburg gewann u.a. 2007 den Preis der Böttcherstraße in Bremen, war 2016 für den renommierten Marcel Duchamp Preis nominiert und lehrt als Professorin an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Sie lebt in Paris.

Filme in der Ausstellung

Ulla von Brandenburg
Ulla von Brandenburg, Feste Erde Flüssiger Wind, 2021
Ulla von Brandenburg
Ulla von Brandenburg, Blaue und Gelbe Schatten, 2020

Feste Erde, flüssiger Wind, 2021

Die Kamera fährt durch einen strahlend blauen Himmel und ein merkwürdiger Ton, wie von einem defekten Harmonium, führt in den Film ein. Die Tonspur leitet über in die Umgebungsgeräusche – Füße über Kiesboden oder Zikadenzirpen –, während das Bild eine Gruppe von Menschen in den Blick nimmt, die sich durch eine ruinöse, gemauerte Arena vor dem Panorama einer mediterranen, sonnendurchtränkten Landschaft bewegt. Männer und Frauen in bunten, weiten Kleidern oder Röcken bewegen sich tanzend aufeinander zu, streben auseinander, versammeln sich dicht an dicht, nehmen sich an den Händen oder vereinzeln sich wieder. In einem Moment finden sie zusammen in nahezu identischen Bewegungen, im anderen ziehen sie sich zurück und machen sich unabhängig von der Gruppe. Geschlechterzuschreibungen über Kleidung oder Gestik lösen sich auf. Das Kollektive steht dem Individuellen gegenüber – beides aber ist möglich. Kollektiv ist hier nicht gleichgesetzt mit Uniformität, sondern lässt Raum für jede*n Einzelne*n. Formale Anspielungen an den modernen Ausdruckstanz oder die Utopien des Monte Verità finden sich in den tänzerischen Bewegungen wie in der Farbigkeit der Stoffe. Und am Ende wieder: Der weite, blaue Himmel und ein Ton, der fremd und vertraut zugleich klingt.

Blaue und Gelbe Schatten, 2020

In Blaue und Gelbe Schatten treffen Farbspiel und Ausdruckstanz, Natur und Kunst aufeinander. Das Trio der Tänzer*innen bewegt sich lustvoll inmitten eines sattgrünen Waldes und erkundet die verschiedenen Farben, die das Sonnenlicht mit ihrem Schattenspiel erzeugt. Sie gestikulieren in fließenden Bewegungen und singen in loser Reihenfolge einige Textfragmente aus Goethes Farbenlehre. So erklingen etwa die rhythmischen, mit einzelnen Klängen unterstrichenen Worte „Eine Landschaft ohne Blau, wie ungefähr“ (der Ausstellungstitel der Weserburg-Präsentation) inmitten anderer Überlegungen zur Entstehung und Wirkung der Farben. Johann Wolfgang von Goethe bestimmte in seiner Farbenlehre Gelb und Blau als „Ur-Farben und Ur-Polaritäten“, aus denen sich alle anderen Farben ableiten lassen. Er untersuchte die „sinnlich-sittliche“ Wirkung von Farben, sowie ihre psychologischen und ästhetischen Aspekte. Farben seien an sich eine Naturerscheinung, ihre Anwendung hingegen ein Kunstmittel. Goethe forschte über 40 Jahre zur Farbenlehre und Optik. Die Bedeutung, die er der Farbe zuerkannte, spiegelt sich nicht nur in Ulla von Brandenburgs Film, sondern in ihrem gesamten Schaffen.

Le milieu est bleu, 2020

Der dreiteilige Film Le milieu est bleu dokumentiert die Lebensweise einer fiktiven, in ihre rätselhaften Rituale vertieften Gemeinschaft. Spielstätte ist das Théâtre du Peuple in den französischen Vogesen. Einst von seinem Gründer als humanistisches Theater im Jahr 1895 erschaffen, besteht es unter dem Motto „Par l’art, pour l’humanité“ („Durch die Kunst, für die Menschheit“) bis heute fort. Hier bietet es den Protagonist*innen des Films einen geschützten Raum, um ihre Beziehungen auszuhandeln und ihren alltäglichen, rituell aufgeladenen Beschäftigungen nachzugehen.
Der Film beginnt mit der vielfältigen Erkundung unterschiedlicher Stoffe und der Ausführung achtsamer Techniken des Gebrauchs von Stoffbahnen, Seilen, Fetzen und Kleidungsstücken sowie deren Weitergabe. In liebevollen und körpernahen Gesten agieren die Akteur*innen des Kollektivs mit den Stoffen und ihrem Gegenüber. Dann münden die durch Tanz und Chorgesänge getragenen Begegnungen in eine symbolische Bestattungszeremonie. An deren Ende öffnet sich das Tor zur Außenwelt und die Gemeinschaft tritt hinaus in die hügelige Waldlandschaft, erst vorsichtig, dann entschlossen, und trägt ihre Rituale in die Welt.

Lebende Bilder (Lesbie, La Pensée, La vierge folle, Amour retirant une épine de son pied, Napoléone-Elisa et son chien), 2017

Lebende Bilder ist der letzte S/W-Film von Ulla von Brandenburg, bevor die ihr typische Farbigkeit auch im filmischen Medium Einzug hält. Vor einer hellen, zwischen Bäumen im Außenraum gespannten Stoffleinwand vollzieht eine junge Frau langsame, genau gesetzte Bewegungen, die an einen minimalistischen, rituellen Tanz denken lassen. Tatsächlich stellt sie Haltungen von exemplarischen Skulpturen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nach (etwa Rik Wouters La vierge folle von 1912, Charles Joseph Lenoirs Amour retirant une épine de son pied von 1877 oder Lorenzo Bartolinis Napoléone-Elisa et son chien von 1812) und entwickelt sie tänzerisch weiter. Damit knüpft Ulla von Brandenburg an die Tradition der „Lebenden Bilder“ (Tableaux Vivants) an, die im 18. Jahrhundert in Frankreich aufkam und das Nachstellen von Werken der Malerei oder Plastik durch lebende Menschen benennt. Scheinbare Gegensätze wie Kunst und Leben, Illusion und Realität, Künstlichkeit und Natur verschwimmen – ein Thema, das sich durch die meisten Werke von Ulla von Brandenburg zieht.

C, Ü, I, T, H, E, A, K, O, G, N, B, D, F, R, M, P, L, 2017

Der Film macht Stoffe und Farben zu alleinigen Protagonisten. In einem Loop sanft fallender oder sich nacheinander öffnender Stoffe werden vielfarbige, in Textur und Mustern unterschiedliche Textilien sichtbar. Die Stoffe – jeder erzählt seine eigene Geschichte – stammen aus der Sammlung historischer Röcke und Kleider von Ulla von Brandenburg. Die Faltenwürfe, Bewegungen und der Lichteinfall lassen Farben und Ornamente lebendig werden. Dazu ertönt ein unter anderem von der Künstlerin gesungenes Stück, dessen vibrierende Akkorde und viele Stimmen sich zu einem hypnotisierenden Mantra vereinen. Die wiederholt erklingenden und titelgebenden Buchstaben C, Ü, I, T, H, E, A, K, O, G, N, B, D, F, R, M, P, L beziehen sich in loser Reihenfolge auf die Anfangsbuchstaben des ins Deutsche übersetzten Gedichts Gespräch mit dem Stein der polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska (1923 – 2012). Das Gedicht beschreibt die verzweifelte Suche nach Nähe und die Unmöglichkeit, diese im Gegenüber zu finden:

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.“

„Ich hab keine Tür“, sagt der Stein.

Führung buchen

80,– Euro zzgl. Eintritt, aktuell nur Gruppen bis 10 Personen

Informationen und Anmeldung unter +49 (0)421-59839-0, info@weserburg.de

Damit sich Besucher*innen und Mitarbeiter*innen gleichermaßen sicher fühlen können, gelten bis auf weiteres die vom Ordnungsamt und dem Senator für Kultur Bremen empfohlenen Distanz- und Hygienevorschriften zur Eindämmung der Covid 19-Pandemie – mit einem Abstand von mindestens 1,5 Metern zueinander, der Einhaltung der allgemeinen Handwasch- und Niesetikette und dem Tragen eines Mund- und Nasenschutzes. Wir haben unser Haus so ausgerüstet, dass wir Ihnen einen unbelasteten Besuch bieten können.

Angebote für Kitas und Schulen

Aufgrund der aktuellen Corona-Einschränkungen kann sich jeweils nur eine Kohorte zur selben Zeit im Museum aufhalten. Daher ist der Besuch nur in bestimmten festgelegten Zeitfenstern möglich. Bitte sprechen Sie uns rechtzeitig an: Telefon 0421-59839-0 oder gewinner@weserburg.de.

Für Kitas und Schulklassen wurden spezielle Führungen mit Praxisanteil im Rahmen der Ausstellung Ulla von Brandenburg. Eine Landschaft ohne Blau, wie ungefähr entwickelt. Das Programm findet Sie hier im Download:

Angebote für Kitas

Angebote für Grundschule und Sek I

Angebote für Sek II