Birgit Jürgenssen. Ich bin.

28.03.2020 - 09.08.2020
Birgit Jürgenssen, Ich möchte hier raus, 1976/2006, Nachlass Birgit Jürgenssen © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Birgit Jürgenssen, Ich bin., 1995, Nachlass Birgit Jürgenssen © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Birgit Jürgenssen (1949-2003) gehört mit Valie Export zur 2. Generation der künstlerischen Avantgarde nach 1950 in Österreich. Generationen nachfolgender Künstler*innen weltweit wurden von ihrem Schaffen als Künstlerin, Feministin, Lehrende und Beobachterin kultureller und sozialer Konditionen wesentlich beeinflusst. An kunsthistorische Traditionen wie z.B. den Surrealismus oder die Antike anknüpfend, entwickelte sie ein so eigenständiges wie vielgestaltiges Œuvre, das neben einem großen Fundus an Zeichnungen und Fotografien auch Skulpturen, Objekte, Performances und Videos umfasst.

Mit klarem Blick und subversivem, bisweilen bissigem Humor nimmt Jürgenssens vielfältiges Werk die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft in ihren unterschiedlichen Ausformungen in den Blick: Zwischenmenschliche Beziehungen, Sexualität, gesellschaftsbedingte Schönheitsvorstellungen, Geschlechterverhältnisse oder die eigene Identität werden immer wieder neu befragt. Neben diesen gesellschaftlichen Diskursen und aus der Beschäftigung mit der eigenen Körperlichkeit heraus spürt die Künstlerin immer wieder auch den Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Pflanze nach und erschafft in metamorphischen Anordnungen poetische Zwischenwesen, die unsere begrifflichen Grenzen aufzulösen scheinen.

Der in Jürgenssens Werken zutage tretende Feminismus ist dabei weniger offensive Kampfansage oder Rebellion, sondern kultiviert das Prinzip der lustvollen Unterwanderung. Immer wieder geht es auch um Fragen nach der eigenen Identität, um die (geschlechterübergreifende) Möglichkeit, aus zugeschriebenen gesellschaftlichen Rollen ausbrechen und eigenverantwortlich handeln zu können, sowie um die Fragilität allen Seins. Eine Materialcollage von 1995, die der Ausstellung ihren Titel gibt, steht stellvertretend für diese Haltung: „Ich bin.“ ist da in weißer Kreide auf einer Schultafel zu lesen. Neben der Tafel allerdings hängt ein Schwamm, der die Seinsbehauptung jederzeit auswischen könnte. Ich bin. offenbart das enorme poetische Potential, das ebenfalls elementarer Bestandteil von Birgit Jürgenssens Werk ist.

Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Nachlass Birgit Jürgenssen, Wien und der Kunsthalle Tübingen organisiert.