Jónína Mjöll Thormodsdottir, Eggshell, 2016 (Detail)
Ausstellung | 24.06.2017 - 22.10.2017

OH WOW

Meisterschülerausstellung der HfK Bremen. Karin Hollweg Preis 2017
Kunst, die staunen macht, die erfindungsreich und überraschend neu ist – OH WOW, der Titel der Meisterschülerausstellung hinterfragt mit einem unverkennbar ironischen Unterton Erwartungen und Ansprüche, die bis heute an Kunst herangetragen werden. Originalität, Individualität und Expressivität sind in der Tat noch immer kursierende Kriterien für ein gelungenes Werk, doch die Möglichkeiten und Aufgaben ästhetischer Praxis gehen weit darüber hinaus, ja sie führen diese Vorstellungen bisweilen und zu Recht ad absurdum. Kunst, die sich auf der Höhe internationaler Debatten bewegt, entsteht in einem Geflecht aus Bezugnahmen und Weiterentwicklungen, bedeutet kritische Entgegnung und Verwerfung. Die große Gemeinschaftsausstellung, mit der sich zum Abschluss ihres Studiums 17 Meisterschülerinnen und Meisterschüler des Studiengangs Freie Kunst der Hochschule für Künste Bremen verabschieden, ist dafür beispielhaft – zeigt sie doch die Vielfalt künstlerischer Strategien heute.
Daniel Rossi, ohne Titel (Highlight of Creation), 2016
Daniel Rossi, ohne Titel (Highlight of Creation), 2016

Ein Großteil der ausgestellten Werke wird erstmals öffentlich präsentiert. OH WOW gibt damit einen facettenreichen Einblick in die aktuelle Kunstszene Bremens. Die künstlerische Spannbreite der Ausstellung belegen vier Positionen:

Mit explorativer Lust nutzt Daniel Rossi verschiedene Mittel und Formen der gegenstandslosen Malerei. Im Rückbezug auf Bekanntes entsteht so ein ganz eigenständiges Bildkonzept. Er verwendet verschiedene Textilien und Materialien, die er modifiziert, mitunter über den Keilrahmen hinausragen lässt und schließlich mit gestischen oder auch kalkulierten farblichen Setzungen und Formen malerisch erweitert.

Tanja Hehn, Ohne Titel, 2017
Tanja Hehn, Ohne Titel, 2017

Felix Dreesen präsentiert neun Fensterelemente, die großflächig mit jeweils einer Zahl oder einem Buchstaben übermalt sind. Es sind Relikte einer aufsehenerregenden Intervention im Außenraum. Die weithin sichtbare Botschaft an der Fassade eines Bremer Abbruchhauses verwandelt sich im Museum in ein kryptisches Zeichensystem. Auf hintersinnige Weise untersucht Dreesen das Verhältnis von aktionistischem Anspruch und ästhetischer Wirkung und macht damit die Möglichkeiten und Grenzen künstlerischer Aneignung sichtbar.

Ana Baumgart & Ina Schoof beschäftigen sich in ihrer mehrteiligen Videoinstallation mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. In eindrücklichen Bildern nähern sie sich der Frage, wie sich bestimmte Denkmuster in einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche verändern. Wie manifestieren sich Identität und Gemeinschaft, wenn sie sich von dem Fremden, von anderen Denk- und Lebensweisen bedroht fühlen.

Jónína Mjöll Thormodsdottirs Faszination für Naturformen findet sich in ihrem gesamten, ausgesprochen vielgestaltigen Werk wieder. Gleich im Eingangsbereich der Ausstellung sind aufragende Gebilde zu sehen, die sie ausgehend von kleinen Vogelknochen, so genannten Wunschknochen, ableitet. Die großformatigen Skulpturen verkörpern mit ihren geschwungenen Formen eine überraschende Modernität. Gleichwohl bewahren sie etwas Kreatürliches, das den nachforschenden Blick irritiert.

André Sassenroth, bay-WATCH, 2017 (Detail)
André Sassenroth, bay-WATCH, 2017 (Detail)

Karin Hollweg Preis 2017

Ein besonderer Höhepunkt am Eröffnungsabend ist die Verleihung des Karin Hollweg Preises. Der mit insgesamt 15.000 Euro dotierte Preis gehört zu den wichtigsten Kunstförderpreisen an deutschen Kunsthochschulen. Möglich wird er dank der großzügigen Unterstützung der Karin und Uwe Hollweg Stiftung. Die Hälfte des Preisgeldes ist für eine institutionelle Einzelausstellung in Bremen reserviert.

Künstlerinnen und Künstler

Ana Baumgart & Ina Schoof, Andreas Bernhardt, Jasmin Bojahr, Amina Brotz, Felix Dreesen, Stephan Fritsch, Tanja Hehn, Elise Müller, Myong-Hee Ki, Norman Neumann, Nora Olearius, Daniel Rossi, André Sassenroth, Malte Stiehl, Yue Sun und Jónína Mjöll Thormodsdottir.

Kuratiert von Ingo Clauß, Weserburg | Museum für moderne Kunst

Katalog

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in Form eines Ordners mit 16 sorgsam gestalteten Einzelheften. Jedes Heft enthält einen einführenden Text und Abbildungen der ausgestellten Werke. Der Katalog erscheint am 3. August und kann an der Museumskasse für 15 Euro erworben werden. Konzeption und Umsetzung: studio lindhorst-emme

Stephan Fritsch, Blackface, 2016
Stephan Fritsch, Blackface, 2016

Termine

  • Musik zum Film: Freitag, 23. Juni um 20:30 Uhr und 22 Uhr, Eintritt frei. Conrad Schwenke und Jannik Stock begleiten den Film die Stadt von Jasmin Bojahr mit experimenteller Musik.
  • Record-Release: Freitag, 23. Juni um 21:30 Uhr, Eintritt frei. Mit Tightill und Doubtboy "RNB Anarchie" im Rahmen der Andtire Gallery, ein Projekt von André Sassenroth.
  • Kuratorenführung: Donnerstag, 29. Juni, 18 Uhr. 3,- zzgl. Eintritt
  • Konzert: Donnerstag, 29. Juni, 19 Uhr. Eintritt frei RAW 02. y 0,75 Displacement by Hannes Middelberg. Ein Release Abend von Research and Waves und ZCKR Records. RAW ist eine Reihe von Schallplatten Releases, die als kollaborative Plattform zwischen zeitgenössischer Kunst und Independent Music agiert und ihren Fokus auf die konzeptuelle und experimentelle Verwendung von Klang richtet.
  • Katalog-Release und Künstlergespräch: Donnerstag, 3. August 2017, 19 Uhr. Eintritt frei
  • Lesung: Donnerstag, 12. Oktober, 19 Uhr, Eintritt frei. Auszüge aus der Meisterschülerarbeit "Para Muster" und Künstlergespräch mit André Sassenroth.
    Weitere Termine werden in Kürze bekannt gegeben.

Eine Kooperation mit der Hochschule für Künste Bremen

Logo Hochschule für Künste Bremen

Mit freundlicher Untzerstützung durch 

Porträt Felix Dreesen, Foto: Christina Stohn
Porträt Felix Dreesen, Foto: Christina Stohn

Der Karin Hollweg Preis 2017

Aus der Jurybegründung: „Der Karin Hollweg Preis 2017 geht an Felix Dreesen. Sein Beitrag Patches of Protest hat sich nach einer lebendigen und konstruktiven Diskussion innerhalb der Jury durchgesetzt.

Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet eine Protestaktion, die Unbekannte kurz vor Abbruch des historischen Stammsitzes des Logistikunternehmens Kühne + Nagel an der Weser vorgenommen haben. In Anlehnung an die Diskussion um die Rolle des Unternehmens in der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Fenster des Gebäudes mit Buchstaben und Zahlen ausgemalt, die in ihrer Gesamtheit den Text ergaben: „500 SCHIFFE 735 ZÜGE 1942-1944 MEHR ALS NUR DIENSTLEISTER … – – – – GEGEN DAS VERGESSEN!“ In kürzester Zeit nach Durchführung der Aktion wurden alle betroffenen Fenster durch Bauarbeiter entfernt. Felix Dreesen hat neun beim Abrissvorgang intakt gebliebene Fenster im Ausstellungsraum so verteilt, wie sie ihrer Abfolge im Text entsprechen, und mit einem Zeitungsartikel kombiniert, der sie inhaltlich herleitet.

Die Jury ist überzeugt von der vielschichtigen und mehrdeutigen Lesbarkeit von Felix Dreesens Intervention. Zum einen lotet sie die Möglichkeiten von Kunst in ihrem Verhaftetsein zwischen Haltung und Form aus, indem sie das Material der Abbruchssituation in den Ausstellungsraum hineinholt. Zum anderen nimmt sie den Protestvorgang auf und transformiert dessen Direktheit in minimalistisch-kryptische Zeichen mit malerischen Qualitäten, ohne ihm die Kraft zu nehmen. Patches of Protest stellt damit die Wirkmächtigkeit von Kunst innerhalb gesellschaftlicher Diskurse ins Zentrum.

Darüber hinaus gelingt es Felix Dreesen, eine regional geführte Debatte so aufzunehmen, dass ihre allgemeingültigen Fragestellungen in den Vordergrund treten und Geschichte und Gegenwart verschmelzen.

Weiterhin überzeugt die Art und Weise, in der der Künstler hier ein Spiel der Autorenschaft inszeniert – bleibt doch im Ungewissen, wer die Protestaktion am Kühne + Nagel-Gebäude durchgeführt und die Fenster ursprünglich bemalt hat, die Dreesen nun als Fundstücke präsentiert und inhaltlich auflädt.
Damit ist Patches of Protest deutlich mehr als die Summe seiner Einzelteile und in seiner klug gesetzten Vieldeutigkeit preiswürdig.

Die mit dem Preis verbundene Einzelausstellung in einer Bremer Institution wird 2019 in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst stattfinden.“

Felix Dreesen, Patches of Protest (2017), Foto: Christina Stohn
Felix Dreesen, Patches of Protest (2017), Foto: Christina Stohn

Lebenslauf Felix Dreesen:

Felix Dreesen ist 1987 in Bremen geboren, wo er bis heute lebt und arbeitet. Gegen Ende der Schulzeit gründete er mit zwei Freunden ein bis heute bestehendes, performativ und partizipativ agierendes Siebdruck-Kollektiv mit eigener Werkstatt und regelmäßigen Drucksessions auf Festivals, im Theater- und Kunstkontext. Bevor und während seines Studiums war er als Atelieranmieter Teil der Grundbesetzung des soziokulturell und auf elektronische Musik ausgerichteten Zucker-Clubs. Hier bekam er tiefere Einblicke in kollektive Arbeitsstrukturen, beteiligte sich am infrastrukturellen Konzept, an Raumgestaltungen und Gemeinschaftsausstellungen. 2008 begann er ein Studium der Bildhauerei an der Hochschule für Künste in Bremen bei Yuji Takeoka. Ab 2013 studierte er in der Klasse von Natascha Sadr Haghighian, bei der er 2016 sein Diplom ablegte. Die Studienzeit war neben der Geburt seines Sohns Zore im Jahr 2011 vor allem geprägt durch eine Reihe studienexterner Projekte und Teilnahmen an verschiedenen raumaneignerischen Gruppen wie z.B. dem Berliner Reclaim Your City-Kollektiv, das sich mit aktivistischen Formen der Stadtaneignung befasst.

Jury:
Verena Borgmann (Kunsthalle Bremen)
Peter Friese (Weserburg | Museum für moderne Kunst)
Fanny Gonella (Künstlerhaus Bremen)
Wolfgang Hainke (Künstler)
Dr. Arie Hartog (Gerhard Marcks Haus)
Dr. Andreas Kreul (Karin und Uwe Hollweg-Stiftung)
Dr. Ingmar Lähnemann (Städtische Galerie Bremen)
Dr. Annett Reckert (Städtische Galerie Delmenhorst)
Dr. Frank Schmidt (Museen Böttcherstraße)
Janneke de Vries (Gesellschaft für Aktuelle Kunst)

 


Ausstellungseröffnung und Preisverleihung

Freitag, 23. Juni, 19 Uhr in Anwesenheit aller Künstlerinnen und Künstler. Im Anschluss an die Eröffnung wird Frau Hollweg den Karin Hollweg Preis persönlich überreichen. Eintritt frei.

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