So wie wir sind 3.0

20.03.2021 - 23.01.2022
Amoako Boafo, Steve Mekoudja, 2019, Miettinen Collection

So wie wir sind 3.0 stellt mehr als 190 Werke aus unterschiedlichen Zeiten und Kontexten unter inhaltlichen und formalen Fragestellungen zusammen. Sieben Themenareale formulieren künstlerische Annäherungen an die Darstellung des Menschen, entwerfen ein aktuelles Bild von Deutschland, inszenieren ein vielfältiges Spiel mit dem Alltag oder dem Medium Buch und spüren minimalistischen Tendenzen, fotografischen Verfahren oder ästhetischem Widerspruch nach. Räume von Kapwani Kiwanga, Joyce Pensato, Claudia Piepenbrock und Norbert Schwontkowski geben darüber hinaus einen konzentrierten Einblick in vier künstlerische Ansätze mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Und mit Mel Chin zieht sogar eine Künstlerbar ein.

So entwirft ein Themenbereich mit Hilfe von Film, Skulptur, Audio, Malerei, Fotografie oder Installation ein vielgestaltiges Bild von Deutschland, das sich von Nationalsozialismus, Atmosphären der Nachkriegszeit und Migration über Bezüge auf Romantik, Brutalismus und Celebrity Culture bis zu Wiedervereinigung, politischer Macht, globalisierter Wirtschaft und rechtsradikalen Tendenzen spannt.

An anderer Stelle werden ikonische Positionen der Minimal Art von Carl André, Richard Serra, Elsworth Kelly, Fred Sandback oder Charlotte Posenenske durch aktuelle Arbeiten in die Gegenwart erweitert und gegen den Strich gebürstet. Alt trifft auf neu und tritt in einen Dialog, der historische Stränge im Neuen und Überraschendes im Bekannten aufspürt. Da eignet sich z.B. Amoako Boafo „weiße“ Malereitraditionen für seine Portrait-Darstellungen von People of Colour an, während Kasia Fudakowski der Gattung so humorvoll wie klug gleich mit Mop und Putzeimer zu Leibe rückt.

Wolfgang Tillmans dagegen löst sich von der herkömmlichen Darstellungsverpflichtung der Fotografie, wenn er Staub und Schlieren in der Entwicklerflüssigkeit ein zufälliges und abstraktes Abbild schaffen lässt, während Monica Bonvicini die Besucher*innen mit den überzogenen Erwartungshaltungen unserer Gesellschaft konfrontiert.

Kuratiert von Ingo Clauß und Janneke de Vries

 

Ausstellung auf Ebene 1, 2 und 5

Mit freundlicher Unterstützung durch

Serielle Sammlungspräsentation

100 Künstler*innen auf drei Etagen, sieben Themenbereiche und vier Künstler*innenräume – was 2019 als Versuch einer Neuorientierung an den Start ging, findet nun bereits seine dritte Ausformulierung und hat sich als erfolgreiches Format für die Weserburg Museum für moderne Kunst etabliert.

So wie wir sind ist als serielle Sammlungspräsentation in mehreren Teilen angelegt und wird in regelmäßigen Abständen umfangreich variiert: Arbeiten wandern, verschwinden oder kommen neu hinzu, Werkkonstellationen werden durchmischt und Themenareale überarbeitet. So ergeben sich unerwartete Lesarten der Kunst der Gegenwart von den 1960er Jahren bis heute quer durch alle Medien – in einer Form, die Befragung und Wechsel zum Prinzip erhebt. Die Ausstellung speist sich dabei aus einer Vielzahl von privaten Sammlungen, aus den eigenen Beständen und aus Leihgaben von Künstler*innen.

Künstler*innen

Nevin Aladağ, Carl Andre, The Atlas Group (Walid Raad), Katja Aufleger, Viktoria Binschtok, Amoako Boafo, Monica Bonvicini, Carol Bove, George Brecht, Kaucilya Brooke, Trisha Brown, Peggy Buth, Jonathan Callan, Mel Chin & GALA Committee, Claudia Christoffel, Marsha Cottrell, Thomas Demand, Braco Dimitrijević, Cordula Ditz, Felix Droese, Teboho Edkins, Lars Eidinger, Cerith Wyn Evans, Exactitudes, Robert Filliou, Claire Fontaine, FORT, Kasia Fudakowski, Simon Fujiwara, General Idea, Paul Graham, Jan Groover, Raymond Hains, Daniel Hepp, Sven Johne, Isaac Julien, Birgit Jürgenssen, Šejla Kamerić, Ellsworth Kelly, Annette Kelm, Iris Kettner, Kapwani Kiwanga, Barbara Klemm, Alicja Kwade, Zoe Leonard, Simon Lewis, Christian Marclay, Kris Martin, John McCracken, Isa Melsheimer, Jonathan Monk, Suzanne Mooney, Horst Müller, Henrike Naumann, Cady Noland, Jana Sophia Nolle, Oswald Oberhuber, Ahmet Öğüt, Roman Ondak, Stefan Panhans, Joyce Pensato, Claudia Piepenbrock, Agnieszka Polska, Charlotte Posenenske, Bettina Pousttchi, Puppies Puppies, Rima Radhakrishnan, Sebastian Riemer, Pipilotti Rist, Julian Röder, Ed Ruscha, Reiner Ruthenbeck, Michael Sailstorfer, Takako Saito, Fred Sandback, Karin Sander, Michael Schmid, Oskar Schmidt, Andreas Schmitten, Gregor Schneider, Wilhelm Schürmann, Norbert Schwontkowski, Richard Serra, David Shrigley, Laurie Simmons, Taryn Simon, Lorna Simpson, Slavs & Tatars, Andreas Slominski, Kathrin Sonntag, Daniel Spoerri, Sebastian Stumpf, Walter Swennen, Wolfgang Tillmans, Tatjana Trouvé, Kaari Upson, Marianne Wex, Rachel Whiteread, Erwin Wurm, Nil Yalter.

Beteiligte Sammlungen

Art Collection Telekom, Art’Us Collectors’ Collective, Sammlung Karl Gerstner, Sammlung Gräfling, Sammlung Haus N, Sammlung Haubrok, Sammlung Karin und Uwe Hollweg, Collection of R F Jefferies, The Estate Birgit Jürgenssen, Sammlung von Kelterborn, Sammlung Lafrenz, Miettinen Collection, Nieto Collection, Sammlung Norddeutsche Landesbank, Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Sammlung Reininghaus, Sammlung Ridder, Sammlung Maria und Walter Schnepel, Sammlung Schoppmann, Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann, Sammlung Christian Kaspar Schwarm, Sammlung Brigitte und Udo Seinsoth, Sammlung Elisabeth und Gerhard Sohst, Sammlung Dominic und Cordula Sohst-Brennenstuhl, Spiegelberger Stiftung, Sammlung Reydan Weiss, Sammlung Wemhöner, Sammlung Weserburg Museum für moderne Kunst mit Zentrum für Künstlerpublikationen, Sammlung Ivo Wessel, sowie Leihgaben verschiedener Galerien und Künstler*innen.

Shooters Bar - Mel Chin & GALA Committee

Mel Chin & GALA Committee, Melrose Place / Shooters Bar, 1996, Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann, Foto: Tobias Hübel
Mel Chin & GALA Committee, Melrose Place / Shooters Bar, 1996 (Detail), Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann, Foto: Tobias Hübel
Mel Chin & GALA Committee, Blick in die Ausstellung, Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann, Foto: Tobias Hübel

In the Name of the Place war ein umfangreiches kollaboratives Projekt, das Mel Chin zwischen 1995 und 1997 mit dem Studierenden-Kollektiv GALA Committee umgesetzt hat. Dafür haben die Künstler*innen Werke mit gesellschaftskritischem Inhalt in Form von Requisiten in die Staffeln 4 und 5 der damals außerordentlich populären, US-amerikanischen Fernsehserie Melrose Place eingeschleust, als eine Art subversives Product Placement. Autor*innen und Produzenten von Melrose Place waren eingeweiht in die Unternehmung, so dass geplante Serienhandlung und künstlerische Infiltrierung Hand in Hand gehen konnten. Nach Abschluss der Staffeln wurden die Werke bei Sotheby’s versteigert. Der Erlös ging an Bildungsprojekte in den USA. Die Weserburg zeigt eine kleine, aber feine Auswahl aus den insgesamt rund 150 künstlerischen Requisiten, die ihren Weg in die Serie gefunden haben.

Den Mittelpunkt bildet die Shooter’s Bar, ein wichtiger Spielort innerhalb von Melrose Place. Die Arbeit von Mel Chin und GALA Committee umfasst das Design der Bar wie auch der dahinter ausgestellten Flaschen in den Regalen. Deren Label spielen auf die Geschichte der Produktion und des Konsums von Alkohol in den USA zwischen 1700 und 1995 an. So wurde etwa das originale Budwiser-Label zu „Be wiser“ geändert. Das Label einer Rumflasche verdeutlicht mit einem Diagramm des Innenraums eines Sklavenschiffs die Enge, in der Sklaven in diesen Booten zusammengepfercht waren, und stellt so einen Zusammenhang zwischen Sklavenhandel, der Arbeit auf Zuckerrohrplantagen und früherer Rumproduktion her. Die Bar selbst zitiert das Erscheinungsbild einer Hotelbar in Irland, die einem Bombenattentat zum Opfer fiel. Eingeschrieben ist ihr ein Zitat aus dem Gedicht Black Ore (Dtsch. „Schwarzes Erz“) des haitianischen Dichters René Dépestre zur strukturellen Ausbeutung der People of Colour.

Die Bar ist eine Schenkung des Sammlerpaares Gaby und Wilhelm Schürmann an die Weserburg Museum für moderne Kunst und das Museum Abteiberg in Mönchengladbach und wird für die nächsten Jahre fest in der Weserburg installiert. Dort ist sie nicht nur Ort der Reflektion über die Verschmelzungen von Pop Kultur, politischem Protest und Bildender Kunst, sondern wird auch als tatsächliche Bar, z.B. als Treffpunkt für ein Getränk nach Veranstaltungen genutzt.

Fokus: Kapwani Kiwanga

Kapwani Kiwanga, Glow 8 und 9, 2019, Courtesy Galerie Tanja Wagner, Foto: Tobias Hübel © VG Bild-Kunst Bonn, 2021
Kapwani Kiwanga, Greenbook, Michigan (1961), 2019, Courtesy Galerie Tanja Wagner © VG Bild-Kunst Bonn, 2021

Mit Glow und Greenbook präsentiert die Weserburg bis Anfang Juni zwei Werkgruppen der kanadischen Künstlerin Kapwani Kiwanga (geboren 1978 in Hamilton, Kanada, lebt in Paris). Glow, eine Skulptur aus schwarzem Marmor und LED-Leuchte bezieht sich z.B. auf das „Laternen-Gesetz“, das 1713 in New York in Kraft trat. Es bestimmte, dass schwarze oder indigene Sklaven nach Einbruch der Dunkelheit nur mit einer Laterne oder in Begleitung die Straßen betreten durften.

Die unterschiedlichen Blätter aus der Serie Greenbook entstammen dem Negro Motorist Green Book von 1961 – ein Reiseführer, der zwischen 1936 und 1966 jährlich erschien und die Orte in den USA aufführte, die als sicher für farbige Autofahrer*innen galten. Kiwanga löscht alle Namen aus den historischen Listen, fokussiert die Adressen und Staaten und legt damit ein Navigationssystem offen, das der strukturellen Unterdrückung der Farbigen eine selbstbestimmte, subversive Alternative entgegensetzt.

Fokus: Joyce Pensato

Joyce Pensato, Captain Homer, 2015, Sammlung Haubrok, Foto: Tobias Hübel
Joyce Pensato, Big Ang Takeover, 2018, Sammlung Haubrok, Foto: Tobias Hübel

Die Bildwelten der US-Amerikanerin Joyce Pensato finden ihren Ausgangspunkt in allseits bekannten Comichelden und Cartoonfiguren. In freiem und expressivem Gestus entstehen jedoch ganz neuartige Geschöpfe. Auf großformatigen, oft überdimensionierten Leinwänden übermalt, radiert, reibt und verwischt Pensato ihre Gestalten. Die typisch bunt-flächige Linearität und der harmlos-naive Charakter der Comicikonen werden so radikal aufgelöst. Das Resultat sind hybride, bizarre Wesen, oft reduziert auf Schwarz und Weiß. Mitunter mischen sich Gold und Silber in die Farbpalette. Es sind Zerrbilder einer heilen Popwelt, deren Ursprünge gerade noch zu erahnen sind.

Die Präsentation in der Weserburg zeigt mit der Installation Big Ang takeover einen authentischen Ausschnitt aus dem New Yorker Atelier der 2019 verstorbenen Künstlerin. Mit Gemälden, mit Farbe überabeiteten Objekten, Stofftieren und Stühlen wird so Einblick gegeben in ein komplexes künstlerisches Denken, das auf eindrückliche Weise Kunst und Leben, High-and-Low unterschiedslos miteinander verbindet und zugleich als hintersinnige Reflexion amerikanischer Gesellschaft gedeutet werden kann.

Bereits 2019 hat die Sammlung Haubrok im Rahmen der Collection Night Berlin die Installation in Rahmen einer Ausstellung gezeigt, die für nur einen Abend geöffnet war. In der Weserburg ist das Szenario aus Atelieratmosphäre und Werkschau nun langfristig zu sehen.